Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Franz Werfels "Paulus unter den Juden" [Rezension]
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 544 (sequence 2)
- Language
- German
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Max Eschelbacher die Religion wird dargestellt, sondern die Menschen, die sie an sich erleiden. Um allen Mißdeutungen vorzubeugen: Es werden nicht Anschauungen, Bekenntnisse, Lehren, Dogmen, Glaubensstufen aneinander gemessen, verklärt oder verworfen." Aber er hat damit seinen Zuschauern eine unmögliche Aufgabe gestellt Dieses Drama kann keiner objektiv als historische Tragödie betrachten. Denn die Menschen, die da auftreten, wachsen über ihren Tag hinaus, sind die Repräsentanten ihrer Religion und ihrer ewigen Probleme. Wie immer auch der Dichter sein Werk gemeint haben mag, der Zuschauer schaut auf der Bühne nur den welthistorischen Prozeß zwischen Judentum und Christentum. Er sieht, wie in der Person von Gamaliel das Judentum im Kampfe mit Paulus zusammenbricht und unterliegt, beim Abschied klingt ihm das verzweifelte Weinen der Juden im Ohr und er hört das Wort des Simon Petrus: „Geht nach Hause! Die Stunde des Christus ist da!" Der Spruch des Dichters, wie der Zuschauer ihn vernimmt, fällt gegen das Judentum aus, und vor dem Forum der geschichtlichen und dichterischen Wahrheit hat dieses demnach seinen Prozeß verloren. Die Mißdeutung, der das Argument vorbeugen will, ist unvermeidlich. Der Zuschauer sieht die Juden und sieht den Paulus. Aber der Schluß, der Zusammenbruch des Gamaliel samt der letzten Szene, zwingt ihn, vor allem Religionen zu schauen, die einander gemessen werden, die „Liebe", die verklärt, das Gesetz, das verworfen wird. Zwischen dem echten Willen des Dichters, der im Anhang ausdrücklich und zur Verhütung von Mißverständnissen proklamiert wird, und seiner Verwirklichung im Drama besteht ein Widerspruch. Alle Voraussetzungen, auf denen das Schauspiel aufgebaut ist, und der ganze Verlauf der Handlung bis gegen das Ende der großen Zwiesprache in der vorletzten Szene bestätigen die Interpretation im Argument Erst der unvermutete Abschluß widerspricht ihr und allem Vorangehenden. Dieser Zusammenbruch des jüdischen Patriarchen und sein Bankerott: „Ich weiß die Wahrheit nicht mehr" ist im Zusammenhang der Tragödie unmöglich. Das innerste Gesetz dieser dramatischen Legende fordert mit Notwendigkeit eine andere Entscheidung, und das Werk widerstreitet der Deutung, die ihm sein Schöpfer gegeben hat Ein dichterisches Werk hat sein selbständiges Leben und es kann wohl geschehen, daß ein Verkünder seine Botschaft selber nicht in ihrer ganzen Tragweite zum Ausdruck bringt Als Zeugen dafür rufen wir Werf eis Paulus an. Auf seine Botschaft, daß Jesus der Christus über dem Gesetz sei, ent- 544