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Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 541

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
Die bleibende Bedeutung des Alten Testaments
Date
1927-02-01
Page
541 (sequence 9)
Language
German
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Die bleibende Bedeutung des Alten Testaments des ägyptischen Königs Amenophis IV., das Gegenstück zum io4- Psalm, lehrt Bei aller Ähnlichkeit ist aber nun auch hier wieder ein tiefgreifender Unterschied festzustellen. Es ist nicht dasselbe, ob das Objekt religiöser Lieder, mögen sie literarisch einander noch so gleichwertig sein, Sonne, Mond und Venusstern oder ein jenseits der Natur stehender unsichtbarer und sittlicher Gott ist Wenn z. B. im 19. Psalm in so einzigartiger Weise die Wunder Gottes in der Natur besungen werden, so läßt sich heute noch feststellen, daß dem dort geschilderten Laufe der Sonne ein altorientalischer Mythus von dem zwischen den Bergspitzen als Kämpfer emporsteigenden Sonnengotte zugrunde liegt; aber die Sonne ist hier nicht mehr ein göttliches Wesen, sondern ein Schöpfungswerk des über die Natur erhabenen israelitischen Gottes. Aber wir können noch weiter gehen! In manchem unserer alttestamentlichen Psalmen treten uns Gedanken entgegen, die, abgesehen von der in ihnen lebendigen Gottheit, uns in eine Welt des religiösen Lebens blicken lassen, die wir im sonstigen Alten Orient vergeblich suchen. Wo haben wir sonst noch ein Gegenstück zum 5i. Psalm mit seiner einzigartigen Sündenerkenntnis? Oder denken wir an den 73. Psalm, wo ein Frommer, der lange Zeit infolge der vielen Rätsel dieser Welt mit sich nicht ins Reine kommen kann, seine Ruhe schließlich in den Worten findet: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde, wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, bist du, Gott, doch' allezeit meines Herzens Trost und mein Teil" A Wir haben aber nunmehr eine Frage aufzuwerfen, deren Beantwortung unsere bisherigen Ausführungen notwendig machen. Wenn wir immer wieder feststellen konnten, daß uns neben der gemeinsamen altorientalischen Welt im Alten Testamente doch stets auch eine andere entgegentritt, die in einer höheren, geistig gearteten Gottesanschauung gipfelt, so müssen wir uns doch auch fragen, auf welche Kreise in Israel die Verbreitung solcher Ideen zurückzuführen ist In diesem Punkte sehen wir nun völlig klar. Israels großeProphetenwaren es, die der durchaus altorientalischen Struktur und Denkweise ihres Volkes eine Färbung gegeben haben, die das Alte Testament für alle Zeiten zu einem einzigartigen Buche gemacht hat; das dann nicht nur die heilige Schrift des Judentums und des Christentums wurde, sondern das auch für die Gedankenwelt des Islams eine nicht zu unterschätzende Bedeutung gewann. Diese Propheten, die uns schon in den ältesten Zeiten der israelitischen Geschichte entgegentreten und deren Wirken dann in den Tagen eines Arnos, Hosea, Jesaja, Micha und Jeremia seinen Höhepunkt erreichte, sie werden alle getragen von dem Selbstbewußtsein 541

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