Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Die bleibende Bedeutung des Alten Testaments
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 539 (sequence 7)
- Language
- German
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Di« bleibende Bedeutung des Alten Testaments des Alten Testaments. Wie ein roter Faden zieht sich durch das ganze Alte Testament in seinen verschiedenen Teilen der Gedanke: „Israel ist das von Gott in Ägypten erwählte Volk, unter Gottes Führung nach Palästina gekommen, um dort nach seinem Willen eine heilige Geschichte zu leben." Dies ist der Grundzug dessen, was wir die Geschichtsauffassung des Alten Testamentes nennen, deren Verbreitung sich besonders Israels Propheten angelegen sein ließen. Ja, gerade sie sind's gewesen, die diese Geschichtsauffassung auf alle Völker der Erde ausdehnten: „der Gott Israels der Herr und Gott aller Völker", und die damit auch die beachtenswerte Umkehrung verbanden, daß Israel nun nichts mehr vor den anderen Völkern der Erde voraus habe, wenn nicht die Verpflichtung diesen Willen Gottes besonders zu betätigen. So hatte die Geschichte Israels durch die Jahrhunderte hindurch einen tiefen Sinn und einen heiligen Zweck, wenn dieses auch die breiten Massen des Volkes — und wo wäre dies nicht der Fall! — nur allzu oft verkannten. Und dies zu einer Zeit, da in den großen Weltreichen der Ägypter, Babylonier und Assyrer auch nicht einmal der Versuch gemacht wurde, dem geschichtlichen Werden ein tieferes Verständnis abzugewinnen; wo man ohne jeden Zweck Länder eroberte und sie wieder verlor, getrieben allein von Machtinstinkten; und wo man in dem Glück und Unglück der Völker nichts sah als das Resultat einer sinnlosen Entwicklung. Wir, die wir gewohnt sind historisch zu denken, können uns in eine derartige Denkweise gar nicht mehr hineinversetzen. Aber gerade dies gibt uns erst einen rechten Begriff von der Einzigartigkeit des Alten Testamentes, das unter allen altorientalischen Völkern allein den Gott in der Geschichte kannte. Auch in dieser Hinsicht sind wir Erben und Kinder des Alten Testaments, und gerade deshalb besitzt es für uns eine bleibende Bedeutung. Das alttestamentliche Gesetz ist in den letzten Jahrzehnten durch verschiedene altorientalische Urkunden, religiöse Vorschriften und Gesetzeskodizes, in dankenswerter Weise beleuchtet worden. Um beim Dekalog zu beginnen, so sind uns heute aus keilinschriftlichen Dokumenten die Fragen bekannt, die die babylonischen Priester hinsichtlich der von Dämonen befallenen Kranken an die Gottheit stellten: ob sich der betreffende Kranke dem Weibe seines Nächsten genaht, ob er seines Nächsten Blut vergossen, ob er gelogen, ob er sich des Nächsten Eigentum angeeignet habe usw. Und ähnlich bekennt nach ägyptischem Glauben der gestorbene Mensch vor den &2 Totenrichtern der Unterwelt, daß er sich solche Vergehen — auch hier werden sie ähnlich auf- 539