Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Die bleibende Bedeutung des Alten Testaments
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 538 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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A. Jirku ereignis ein sittlicher Gedanke verbunden. Ferner fürchten sich im babylonischen Berichte die Götter selbst vor ihrem Werke und „kauern sich weinend, nieder wie Hunde", während in der biblischen Sintfluterzählung der Gott Israels immer der souveräne Herr der Natur bleibt Am krassesten wirkt aber beim babyolonischen Mythus der Umstand auf uns, daß dort ein babylonischer Gott den Helden der Sintflut zu einer Lüge verleitet: er solle den Menschen, wenn sie ihn wegen des Baues der Arche befragen, sagen, er reise zum Gotte der Meerestiefe, sie selbst aber würden den Segen des Himmels erfahren (!). Man sieht an diesem Beispiele, wie trotz des auffallendsten Parallelismus zwischen der Bibel und Babel in ersterer doch immer wieder die höhere Vorstellung von Gott zum Durchbruch kommt; wie hier Höhen erklommen werden, die in Babylon mit seinen als größere Menschen gedachten Göttern nicht erreicht werden können. Die Erzählungen von den sogenannten „Vätern" (Abraham, Isaak und Jakob) sind heute vielfach stark umstritten und oft der Zielpunkt heftiger Angriffe. Man kritisiert in starkem Maße die dort sich findende Moral, mit der sich die unserige doch nicht mehr decke. Wie könne man, so hört man es besonders oft sagen, den Kindern noch die Geschichten von Jakob erzählen, der seinen alten Vater im Verein mit seiner Mutter in so hinterlistiger Weise täuscht und dann, obwohl er ins Ausland fliehen muß, doch bereichert zurückkehrt; ohne daß irgendwo sein Verhalten dem Vater gegenüber kritisiert würde. Derartigen Einwänden gegenüber könnte man einmal auf das oben Gesagte verweisen: daß wir im Alten Testamente neben göttlichem Golde auch viel menschliche Schlacken vorfinden, und daß wir dieses Buch nicht nach seinen Schwächen, sondern nach seinen Höhepunkten bewerten müssen. Allein darüber hinaus darf nicht vergessen werden, daß wir in diesen Erzählungen von den Vätern Abschnitte finden, in denen die Führungen Gottes im Leben des Einzelnen in einer Weise geschildert werden, wie wir sie größer und tiefer auch nirgends mehr wiederfinden. Denken wird doch nur an den einen Satz in der Josephsgeschichte, als Joseph am Ende der ganzen Perikope seinen Brüdern, die ihn um Verzeihung bitten, zuruft: „Ihr freilich sännet Böses wider mich! Gott aber hat es zum Guten gewandt, um viele Menschen! am Leben zu erhalten." Das sind Gedanken, wie sie in jenen Zeiten nur das alttestamentliche Schrifttum kennt, und wie sie in vollendeterer Form auch heute nicht gedacht werden können. Und damit kommen wir zu der Anwendung dieser Idee der göttlichen Führung des Einzelnen auf das ganze Volk: die Geschichtsauffassung 538