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Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 537

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
Die bleibende Bedeutung des Alten Testaments
Date
1927-02-01
Page
537 (sequence 5)
Language
German
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Die bleibende Bedeutung des Alten Testaments schafft (Dem hebräischen Worte tehom entspricht das babylonische tiämtu; beiderseits haben wir die Scheidung in obere und in untere Wasser, da und dort den Gedanken von einem „Herrschen" der Gestirne; dem „lasset uns Menschen machen" der Bibel entspricht eine gleiche Ankündigung Marduks den übrigen babylonischen Gottern gegenüber; und wenn es in dem biblischen Berichte heißt, daß der Mensch „nach dem Ebenbilde Gottes" erschaffen sei, so weiß der babylonische Mythus von dem Ursprünge des Menschengeschlechtes aus dem Blute eines Gottes zu erzählen.) Doch, wie schon erwähnt, nur mehr in Spuren läßt sich heute diese babylonische Vorlage in dem biblischen Schöpfungsberichte erkennen; sonst haben wir hier ein völlig neues und durchaus durchgeistigtes literarisches Stück vor uns, frei von aller bewußten Mythologie und dem allen übrigen altorientalischen Völkern so ureigensten Polytheismus; und im Gegensatze zu dem babylonischen Mythus, in welchem die Götter erst evolutionistisch aus dem Chaos entstehen, steht im biblischen Berichte der eine und durchaus geistig gedachte Gott Israels von allem Anfange an über dem Chaos; gleich in diesem entscheidenden Unterschiede verspüren wir das Wehen eines anderen Geistes im Alten Testamente; verstehen wir es immer wieder von neuem, weshalb gerade der biblische Schöpfungsbericht dazu verwendet wird, unseren Kindern das erste Verständnis von dem Wirken Gottes zu erschließen. Wo in aller Welt kann man uns etwas zeigen, was einen Ersatz dafür böte!? Ähnlich liegen die Dinge bei der biblischen Sintfluterzählung. Seit rund siebzig Jahren besitzen wir das babylonische Gegenstück zu ihr, die Sage von der großen Flut, aus der nur Utnapistim mit seinem Weibe gerettet wurde. Diese babylonische Version stimmt mit der biblischen, selbst in Einzelheiten, so überein, daß an dem gemeinsamen Ursprünge beider nicht gezweifelt werden kann. Und da der Gedanke einer Flut weit eher in Babylonien als in Palästina entstehen konnte, so wird man annehmen müssen, daß der babylonische Flutbericht schon in alten Zeiten nach Palästina wanderte und so, vielleicht auf dem Wege über die kanaanäische Urbevölkerung, zu Israel kam. Und doch läßt sich auch hier auf manches hinweisen, was uns die Einzigartigkeit des Alten Testamentes in religiös-ethischer Hinsicht vor Augen führt Während sich im babylonischen Berichte kein Grund dafür angegeben findet, weshalb die Sintflut über die Menschen kommt — „einst trieb es die Götter eine Sintflut zu machen", heißt es hier einfach —, ist sie im biblischen Berichte eine Strafe für die Sünden der Menschen; hier ist also mit dem Natur- 537

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