Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 536

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
Die bleibende Bedeutung des Alten Testaments
Date
1927-02-01
Page
536 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895466-2897482--01554-2897535
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

A. Jirku mehr im Alten Testamente ein vom Himmel gefallenes Buch, sondern wissen und fühlen wir es heute, daß es von Menschenhänden geschrieben ist, so spüren wir daneben in ihm doch immer wieder von neuem, daß diese Schriften durchweht sind von göttlicher Offenbarung, die ihnen für immer eine einzigartige Stellung sichert Diese Sprache des einen und ewigen Gottes ist es, auf die man im Alten Testamente achten muß und die nicht überhört werden darf wegen der vielerlei, oft mißtönenden menschlichen Laute, die uns da und dort aus ihm entgegenschallen. Nun könnte aber gerade einem Professor der alttestamentlichen Wissenschaft, der die bleibende Bedeutung des Alten Testamentes zu verteidigen sucht, der Einwand gemacht werden: „würdest du anders sprechen, so sägtest du dir ja selbst den Ast ab, auf dem du sitzest". Und dieser Vorwurf kann gepaart sein mit dem einer, wenn auch nur unbewußten, Voreingenommenheit: der Mineraloge liebt seine Steine, der Astronom seine Sterne und der Alttestamentler eben sein Altes Testament Solchen Einwänden gegenüber ist es nun, gerade wo wir den neuerschlossenen Alten Orient heute so gut kennen, wo wir ein immer klareres Bild von den Religionen der Babylonier, Assyrer, Ägypter und anderer Nachbarvölker Israels gewinnen, leicht, auf einem kurzen Gang durch die Welt des alttestamentlichen Schrifttums die religiöse Sonderstellung und Einzigartigkeit des Alten Testamentes zu erhärten. Wenden wir uns erstmals der sogenannten biblischen Urgeschichte, den ersten elf Kapiteln des i. Buches des Mose, zu, so sind dieselben ausgefüllt durch die Antwort auf die Fragen nach dem Entstehen von Welt und Menschen, nach dem Ursprünge von Sünde und Tod, nach dem Werden von Völkern und Nationen. Die assyrisch-babylonischen Keilinschriften haben uns gelehrt, daß die Antworten, die das Alte Testament auf alle dort gestellten Fragen gibt, nicht immer in jeder Hinsicht originell sind, sondern daß ihnen mehr oder weniger deutlich altorientalische Mythen zugrunde liegen, die freilich in Israel eine entscheidende Umarbeitung erfahren haben. Gleich bei dem die Bibel einleitenden Schöpfungsberichte, der charakterisiert ist durch die Einteilung der Schöpfung in ein Werk von sechs Tagen und durch die wunderbare Sprache der sich immer wiederholenden Formeln („Und Gott sprach: es werde! . . . und es ward"), läßt sich, wenn auch nur in Spuren, deutlich die babylonische Vorlage erkennen: nämlich der Mythus von dem Gotte Marduk, der das Ungeheuer Tiämat durchbohrt und aus ihrem Leichname die Welt und aus dem Blute eines anderen Gottes die Menschen 536

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.