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Der Morgen · 1927-02-01 · Heft 6 (Februar 1927) · p. 535

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 6 (Februar 1927)
Article
Die bleibende Bedeutung des Alten Testaments
Date
1927-02-01
Page
535 (sequence 3)
Language
German
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Die bleibende Bedeutung des Alten Testaments Alte Testament urteilt, dann müssen wir allen Ernstes die Frage auf werfen: was ist es mit unserer Stellung zum Allen Testament? Kann es uns noch eine Urkunde göttlicher Offenbarung sein? Bei der Beantwortung dieser Frage wird man meines Erachtens erstmals rückhaltlos eingestehen müssen, daß manches an der allgemeinen kritischen Stimmung dem Alten Testamente gegenüber berechtigt sein mag. Wir dürfen nicht länger, ob bewußt oder unbewußt, festhalten an jener oben erwähnten: Verbalinspiration, von der im Alten Testamente selbst gar nichts steht; jene Lehre, die schließlich nur die Alternative kennt: alles oder nichts. Wir sollen und dürfen es nicht länger leugnen, daß im Alten Testamente auch Widersprüche vorhanden sind, die sich nun einmal nicht beseitigen lassen (zwei Schöpfungsberichte, zwei Versionen über die Sintflut u. a. m.). Desgleichen wird uns ohne Zweifel manches im Alten Testamente erzählt, was uns unmöglich erscheint und was dabei mit Glaubensfragen gar nicht zusammenhängt Müssen wir es wirklich glauben, daß Bileams Eselin in menschlicher Sprache zu ihrem Herrn gesprochen hat? Und schließlich hat uns auch der neuerschlossene Alte Orient gezeigt, daß doch vieles im Alten Testamente gemeinorientalisches Gut ist; mit der Einzigartigkeit des Alten Testamentes in jeder Hinsicht ist es jedenfalls vorbei. Eine derartige Einstellung wird vielen schwer; vor allem denjenigen, die von Jugend auf in dem Alten Testamente eine einheitliche Urkunde göttlicher Offenbarung sahen und in der Kritik der Wissenschaft nun eine böse Störung ihrer religiösen Gefühle erleben müssen; die trotz allem dem Alten Testamente gegenüber sich eine Stellung zu sichern suchen, die der Dichter aus gleichen Empfindungen heraus in folgenden Worten zum Ausdruck bringt: „Dort, im Reinen und im Rechten, Will ich menschlichen Geschlechten In des Ursprungs Tiefe dringen, Wo sie noch von Gott empfingen Himmelslehr in Erdensprachen Und sich nicht den Kopf zerbrachen." Und doch ist Goethe selbst einer der ersten gewesen, der an der kritischen Erforschung des Alten Testamentes freudig mitgearbeitet hat Und mit Recht, denn wir brauchen sie nicht zu scheuen. Denn können wir auch die Einstellung früherer Zeiten zum Alten Testamente nicht mehr zu der unsrigen machen, so brauchen wir deshalb noch nicht die Wege derer zu gehen, die nun glauben mit dem Alten Testamente brechen zu müssen. Sehen auch wir nicht 535

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