Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Die bleibende Bedeutung des Alten Testaments
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 534 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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A. Jirku Testament ablehnen, als ein dem deutschen Wesen fremdes orientalisches Buch. Und soweit diese Kreise sich nicht ganz der Erkenntnis verschließen können, daß aus dem Alten Testamente doch auch große, religiöse Mächte zu uns sprechen, werden allenfalls die großen Propheten Israels zu Ariern gestempelt; dann muß H. St Chamberlains „blonder Amoriter im semitischen Völkergemisch Palästinas" herhalten, um das wirklich Bedeutsame am Alten Testamente als „arisch" zu erweisen. Ernster zu nehmen ist aber diejenige oppositionelle Strömung gegen das Alte Testament, die wir vielfach auch in christlichen und kirchlichen Kreisen, vor allem denen der evangelischen Kirche, finden. Hier geht die feindliche Einstellung gegen das Alte Testament meist auf einen nicht verstandenen Begriff von der Heiligkeit der Schrift zurück, auf den Glauben von der sog. Verbalinspiration. Jedes Wort, ja jeder Buchstabe des Alten Testamentes Gottes ureigenstes Werk! Und nun finden sich unleugbare Widersprüche, Wiederholungen und Parallelberichte im Alten Testamente; wir erkennen, daß auch, hier die historische und literarische Kritik ihr gewisses Recht hat, und oft allzu schnell wurden diese Kreise nun irre an dem Offenbarimgscharakter des Alten Testamentes überhaupt Und wo bleibt, go fragen sie weiter, die viel gerühmte Einzigartigkeit des Alten Testamentes, wenn wir in den ägyptischen und babylonischen Urkunden religiöse Texte finden, die einen unleugbaren Parallelismus mit solchen des Alten Testamentes erkennen lassen; das vor 20 Jahren von Friedrich Delitzsch ausgesprochene Wort klingt in ihren Ohren: „wie ist alles so gleich in der Bibel und in Babel!" Welch weite Kreise diese Strömung gegen das Alte Testament zu ziehen beginnt, zeigt uns schließlich A. v. Harnacks Buch „Marcion", in dem er nach der Schilderung der Lehren des großen Häretikers aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. seine eigene Stellung zum Allen Testament in folgenden Worten zum Ausdruck bringt: „Das Alte Testament im 2. Jahrhundert n. Chr. zu verwerfen war ein Fehler, den die große Kirche mit Recht abgelehnt hat; es im 16. Jahrhundert beizubehalten war ein Schicksal, dem sich die Reformation nicht zu entziehen vermochte; es aber im 19. Jahrhundert als kanonische Urkunde im Protestantismus noch zu konservieren ist die Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung." Es sind harte Worte, die der berühmte Kirchenhistoriker über das Alte Testament ausspricht und die nur zu erklären sind durch das gleiche Mißverstehen des Wesentlichen am Alten Testamente, das man auch sonst in christlichen Kreisen findet und dem auch er zum Opfer gefallen ist Und dennoch! Wenn ein evangelischer Theologe von der Bedeutung A. v. Harnacks so über das 534