Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 521 (sequence 8)
- Language
- German
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Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns Es -würde auch nickt allzu schwer sein, von einem mittleren Standpunkte aus eine gewisse Verbindung dieser Ansichten zu schaffen- Wir überlassen es dem Leser, nach seiner Individualitat zu ergänzen. IV. Man kann eine historische Persönlichkeit isolieren und sie nach ihren Anschauungen und Leistungen in die Abfolge des geschichtlichen Verlaufes einordnen. Man kann zeigen, welche Ansichten und Aufgaben ihrer Zeit sie beherrschten, wie weit sie diese gefördert hat, und in welchem Punkte die Entwicklung an sie anknüpfte oder ihre Bahnen verließ. Man könnte diese Betrachtungen anatomisch nennen. Man kann aber auch — gewissermaßen physiologisch betrachtend — das Schwergewicht der geschichtlichen Würdigung auf die Tendenzen legen, die sich aus ihrem Wirken ergaben. Diese Tendenzen können zwangsläufig auf ihrem Wirken beruhen und doch in scharfem Gegensatz zu ihren Anschauungen stehen. Es wird nur zu oft dem Manne, dem es bestimmt war, eine neue Epoche einzuleiten, ergehen wie dem Zauberlehrling, daß die Geister, die er gerufen, die Kräfte, die er geweckt, die Entwicklung, die er angebahnt, weit ab von dem geführt haben, was ihm selbst als Ziel vorschwebte. Das erscheint uns als das Wesentliche für das Verständnis der verschiedenen Beurteilungen Mendelssohns im Streite der Parteien. Isoliert man seine Persönlichkeit, dann wird er trotz der Wandlungen des Jahrhunderts unbedingt zur Orthodoxie zu rechnen sein, so sehr er auch für seine Zeit als heterodox den offiziellen Vertretern des alten Judentums erscheinen mochte. Stellt man aber sein Wirken physiologisch im Sinne der geschichtlichen Abfolge, dann ist nicht zu leugnen, daß seine geistige Welt auch die Keimzelle für die Zerbröcklung des überlieferten Judentums, für Neologie und religiösen Liberalismus bildete. Dabei sei noch auf einen weiteren Gesichtspunkt hingewiesen: Der naturwissenschaftliche Kausalitätsbegriff sieht einen Vorgang schon dann als Ursache an, wenn er eine Bedingung, eine notwendige Voraussetzung (conditio sine qua non) für das Ergebnis gewesen ist, mag auch dieser Erfolg dem normalen Verlaufe widersprechen. Schon der juristische Kausalitätsbegriff kann sich hiermit nicht begnügen und noch weniger die geschichtliche Würdigung. Eine atypische Entwicklung, wie sie nur vermöge besonderer Umstände und äußerer Einwirkungen erwuchs, kann nicht als in geschichtlichem kausalen 52t