Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 520 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Wiener wir durch Beseitigung des Zeitlichen und Veränderlichen eine schärfere Betonung des Wesentlichen und noch heute Lebendigen den Ausgleich zwischen Leben und Lehre erstreben, sind wir die wahren Erben Mendelssohns. Wir kommen von Mendelssohn her, aber unser Weg führt über Mendelssohn hinaus." „Wie kannst Du Deine Gesinnungsgenossen, die sich über Sabbath- und Speisegesetze, über Ehe- und Reinheitsgesetze bewußt und beharrlich hinwegsetzen und ihre dem überlieferten Judentum treu gebliebenen Genossen mit Spott und Verachtung betrachten, als Erben Mendelssohns bezeichnen. Kennst du nicht jenen Ausspruch in seinem ,Jerusalem': „In der Tat sehe ich nicht, wie diejenigen, die in dem Hause Jakobs geboren sind, sich auf irgendeine gewissenhafte Weise vom Gesetze entledigen können. Es ist uns erlaubt, über das Gesetz nachzudenken, seinen Geist zu erforschen, hier und da, wo der Gesetzgeber keinen Grund angegeben, einen Grund zu vermuten, der vielleicht an Ort und Zeit und Umstände gewesen, vielleicht mit Zeit und Ort und Umständen verändert werden kann — wenn es dem allerhöchsten Gesetzgeber gefallen wird, uns seinen Willen darüber erkennen zu geben; so laut, so öffentlich, so über alle Zweifel und Bedenklichkeit hinweg zu erkennen zu geben, als er das Gesetz selbst gegeben hat. — Solange dieses nicht geschieht, solange wir keine so authentische Befreiung vom Gesetze aufzuweisen haben, kann uns unsere Vernünftelei nicht von dem strengen Gehorsam befreien, deD wir dem Gesetze schuldig sind, und die Ehrfurcht vor Gott zieht eine Grenze zwischen Spekulation und Ausübung, die kein Gewissenhafter überschreiten darf." Damit hat er gerade das deutlich abgelehnt, was ihr zum Ausgangspunkt macht" „Du verwechselst eben, Samson^ die Ansicht Mendelssohns als einzelnen mit der durch ihn angebahnten Entwicklung. Jener Satz zeigt mir mit der so wenig innerlich überzeugenden Begründung gerade die Schwäche seiner Position. Er ist ein deutliches Zeichen dafür, daß die Entwicklung darüber hinaus führen mußte. Wir, ich und meine Freunde, sehen diesen Weg, den Mendelssohn vermißte. Er ist nichts anderes als unsere Überzeugung, daß in religiöser Beziehung verbindlich nur dasjenige ist, was in uns lebendig ist Die Tatsache, daß unsere Väter bestimmte Vorschriften beobachtet haben, ist für uns eben kein zwingendes Argument Aber ich sehe, wir werden uns auf diese Weise* nicht verständigen, unsere Anschauungen sind zu verschieden, so daß wir aneinander vorbeireden." Ähnliche Argumente, wie sie in vorstehenden Ausführungen zutage treten, sind wohl oft genug im eigenen Nachdenken und in Diskussionen des verflossenen Jahrhunderts zum Ausdruck gekommen. Daß sie besonders tiefgründig oder gar erschöpfend sind, wird niemand behaupten. 520