Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 522 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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- IRI
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Alfred Wiener: Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns Nexus stehend gewürdigt werden, selbst wenn jener Vorgang für diese Entwicklung unbedingt notwendig war, sie gewissermaßen erst in Gang gesetzt hat Damit wird unser Problem wesentlich vertieft Es fragt sich, ob diö geistige Entwicklung, die das Judentum des 19. Jahrhunderts genommen, eine zwangsläufige Folgeerscheinung der durch Mendelssohn inaugurierten Epoche war, oder ob äußere Momente, die von diesem Rahmen ablenkten und die Emanationen seines Wirkens gewissermaßen verfälschten, stärker gewesen sind. Im letzten Grunde wird die Beantwortung dieser Frage ein Werturteil sein, das von der Einstellung zu der Gestaltung der neologen Strömungen abhängt Wenn schon das Bild von Persönlichkeiten, welche Wendepunkte in der Geschichte bedeuten, selbst dann schwankt, wenn ihr Wirken Jahrhunderte, ja Jahrtausende zurückliegt, der Gang der geschichtlichen Entwicklung, der sich an si-3 knüpfte, also bereits übersehen werden kann, so werden die Schwierigkeil en für ein objektives Urteil schier un überwindbar, wenn der Beurteiler selbst dieser noch in ihrer Entwicklung begriffenen Epoche angehört und deshalb den für die Erkenntnis der Höhen und Tiefen erforderlichen Abstand gar nicht haben kann. Soviel wird sich indes sagen lassen. Mag die Entwicklung noch so weit von den Bahnen abgewichen sein, welche Mendelssohn für die rechten hielt und gebilligt hätte, sie beruhte doch kaum auf besonderen äußeren Einflüssen oder der Einwirkung bestimmter Persönlichkeiten. Die französische Revolution, der Emanzipationskampf, die praktische Reform, Jacobsohn, Geiger, Holdheim bedeuten keine retrograde Abwandlung von Mendelssohnschen Gedanken. Die zentrifugalen Kräfte, die er aus dem Beharrungszusland weckte, mußlen über die von ihm gesteckten Ziele hinauswirken. Die Reform ist ein Kind Mendelssohns, das sich ebenso, wie seine leiblichen Abkömmlinge, ganz anders entwickelte, wie er gewünscht und gehofft hatte. Aber die Vergangenheit ist nicht die berufene Richterin über die Gegenwart. Erst die Zukunft spricht das entscheidende Wort — So muß auch der Richlerspruch über die geschichtliche Bedeutung Mendelssohns, so weit sie in! die Gegenwart herein reicht, schließlich der Zukunft vorbehalten bleiben. 522