Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 519 (sequence 6)
- Language
- German
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Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns Ausgestaltung im Abendlande zu schaffen, aber in der Weise, daß das Judentum stets feste und unverrückbare Basis seiner Persönlichkeit blieb. Das ist das Wesen lliche, hierin gleicht er einem Saadia, Maimonides und all den anderen Großen, die für ihre Zeit etwas Ähnliches erstrebt und erreicht haben. Daß ich nicht in allem einzelnen mit ihm übereinstimme, ist richtig. Er würdigt nicht genug, daß die außerjüdische Wissenschaft nicht fest, sondern ständigen Veränderungen unterworfen ist Durch diesen Irrtum ist er zu mancher falschen Deutung und Auslegung gelangt" „Aber du übersiehst ganz, daß Mendelssohn der Ausgangspunkt des Abfalls vom Judentum gewesen ist Ich weiß recht gut, daß er für seine Person an dem Religionsgesetz festgehalten hat, aber wenn seine Kinder und Enkel, seine Schüler und Freunde sich fast sämtlich nicht nur von dem jüdischen Zeremonialgesetz abgewandt haben, sondern dem Judentum überhaupt verloren gegangen sind, so beweist das, daß in Mendelssohns Wesensart bereits die Grundlage hierfür gegeben war." „Aber du kannst doch nicht Mendelssohn für eine Entwicklung verantwortlich machen, die sich im schärfsten Gegensatz zu seinen eigenen Ansichten geformt hat Mendelssohn hätte es niemals gut geheißen, daß auch nur etwas von dem Religionsgesetz preisgegeben wurde. Ich gebe zu, daß die Art und Weise, wie durch Mendelssohn europäische Bildung und Kultur in die Judengasse einzog, in religiöser Beziehung eine Gefahr bedeutete, aber diese Gefahr oder besser, der durch sie bedingte Läuterungsprozeß war eine geschichtliche Notwendigkeit Daß dieser Prozeß so schwere Opfer von uns gefordert hat und noch fordert, ist unser großes Unglück, und Mendelssohn ist hieran nicht unschuldig, er hätte die Gefahren kennen und mehr zu ihrer Abwehr tun müssen als wirklich geschah." „Damit wirst du Mendelssohn nicht gerecht, es handelt sich nicht so sehr um seine Person, als um die Entwicklung, die sich mit geschichtlicher Notwendigkeil an sein Wirken knüpfte; in Wahrheit lag schon in seinem Wirken die Tendenz zu einer Scheidung des Ewigen und Zeitlichen im Judentum, wenn er dies auch selbst nicht erkannt hatte. Aber gerade dadurch sind so viele dem Judentum entfremdet worden; sie glaubten, daß sie, wenn sie das eine oder andere des veralteten für ganz andere Zeitverhältnisse bestimmten Religionsgeselzes aufgeben, damit aufhören, vollwertige Juden zu sein. Welch verhängnisvoller Irrtum! Durch diese notwendige Scheidung, die wir, ich und mein© Freunde, jetzt zur Grundlage der Entwicklung des Judentums machen, indem 519