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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 518

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns
Date
1926-12-01
Page
518 (sequence 5)
Language
German
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Alfred Wiener IIL Das, was von Mendelssohns Wirken bis in die Gegenwart lebendiggeblieben ist und im jüdischen Kreise noch heute nachwirkt, ist seine Persönlichkeit selbst und ihr bahnbrechender Einfluß auf die innere und äußere Entwicklung der deutschen Juden, sowie mittelbar der Juden des gesamten europäischen Kulturkreises. Es war für seine Zeit eine bis dahin undenkbare Talsache, daß ein Jude zu den geistigen Führern der christlichen Welt gehörte, daß Könige und Fürsten es sich zur Ehre anrechneten, mit einem Juden in Wort und Schrift Ansichten über philosophische und religiöse Fragen zu erörtern. — Und dieser Mann war ein gläubiger, das Religionsgesetz peinlich befolgender Jude. Es schien sich darin deutlich zu zeigen, daß die Trennüngsmaucr zwischen überliefertem Judentum und moderner Kultur, die seit Jahrhunderten die beiden Sphären schied, keine innerliche Notwendigkeit sei. Ein harmonischer Ausgleich zwischen den Werten des Judentums und moderner Welt- und Lebensanschauung schien leicht erreichbar. Man konnte meinen, daß durch Schulen, wie sie Mendelssohn besonders erstrebte und begünstigte, durch populäre Bücher und Zeitschriften eine Beschäftigung der Juden mit außerjüdischer Wissenschaft und Literatur vermittelt und dadurch jener Prozeß in wenigen Jahrzehnten sein Ziel erreichen würde. Überblicken wir die eineinhalb Jahrhunderle seit jenen Tagen, so zeigt es sich, daß diese Wünsche und Hoffnungen sich nur zum Teil verwirklicht haben. Will man die Bedeutung Mendelssohns recht begreifen, so erscheint es geboten, sich das Urteil der verschiedenen religiösen Richtungen über ihr Verhältnis zu Mendelssohn klar zu machen. Dieses Urteil wird regelmäßig nicht sonderlich in die Tiefe gehen, wird auch von Einseitigkeiten nicht frei bleiben, aber es gibt wichtige Anhaltspunkte für eine zutreffende Würdigung. In diesem Sinne mag es angebracht erscheinen, den Unterschied der Anschauungen in die Form eines Dialogs zu kleiden, welcher etwa um das Jahr i83o in einer rheinischen Universitätsstadt stattgefunden haben könnte: „Du glaubst also wirklich, mein lieber Samson, daß sich die Anschauungen und Überzeugungen Mendelssohns in allem Wesentlichen mit dem decken, was den nach deiner Ansicht unveränderlichen Bestand des Judentums bildet, und daß du selbst in Wahrheit nur ein Schüler und Forlsetzer Mendelssohns bist?" „Ich versiehe nicht, Abraham, wie du dies in Zweifel ziehen kannst Mendelssohn versuchte eine Verbindung zwischen dem Judentum der europäischen Kultur in ihren auf der Antike beruhenden Grundlagen und ihrer 518

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