Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 515 (sequence 2)
- Language
- German
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Alfred Wiener: Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns tischen System von Leibniz eine gewisse Versöhnung und in religiös-ethischer und ästhetischer Beziehung in den Werken von Herbert von Cherbury, Toland, Tindal und Shaftesbury ihre Ergänzung gefunden. Die französischen Enzyklopädisten und die deutschen Popularphilosophen seit Wolf machten diese Gedankengänge zum Gemeingut der geistig interessierten Kreise. Hierbei war in Deutschland Mendelssohn einer der geistreichsten und durch Klarheit und gewandte Formgebung hervorragendsten Mitarbeiter. Überblickt man sein philosophisches Schaffen, so sehen wir heute in seiner Art der Fragestellung und Beantwortung drei Momente, in denen sich unsere Betrachtungsweise wesentlich von der seinen unterscheidet — Mendelssohn war wie die gesamte Aufklärung unhislorisch. Er betrachtete seine Zeit als den Höhepunkt, ja als den Endpunkt der geschichtlichen Entwicklung. Er war, um mit Schopenhauer oder Spengler zu reden, ein typischer Vertreter der „Jetztzeit". Man glaubte durch gedankliche Erörterung exakte Antworten und damit Lösungen der Grundprobleme finden zu können. Man unterschätzte — hierin hat erst das 19. Jahrhundert Wandel geschaffen — die historischen Bedingungen und Bedingtheiten, die wechselnde Einstellung, die zu verschiedenen Betrachtungsweisen führt, die in ihrer Art gleich richtig und gerade um deswillen gleich einseitig sind. Wir finden kaum in Mendelssohns Werken irgendeinen Satz, der auf echter geschichtlicher Erkenntnis beruht, und es ist außerordentlich charakteristisch, daß der Sokrates seines so sehr geschätzten und einst überschätzten Phaedon in seinem Denken kaum etwas von einem Griechen des 4- Jahrhunderts, aber alles von einem philosophisch gut unterrichteten Europäer des 18. Jahrhunderts hat Als man mehr in geschichtlichen Zusammenhängen zu denken begann und das Historische das Gedankliche and Systematische vielfach genug sogar überwucherte, schaute man auf Mendelssohn oftmals mit einem überlegenen Seitenblick. Ein zweites, das wir bei Mendelssohn vermissen, ist die erkenntniskritische Einstellung. Wir kommen heule nicht darüber hinweg, daß ihm die Fragestellung Kants fern lag, und daß er die erkenntniskritischen Grundlagen unseres Denkens in ihrer Problematik überhaupt nicht erkannt hat So erschienen ihm die religiösen Überlieferungen nicht nur als historisch gegebene Talsachen, sondern auch als beweisbare Sätze. Metaphysik und Gottesglaube waren ihm Ergebnisse vernunftgemäßen Denkens — und die Offenbarung eine mit ihr übereinstimmende geschichtliche Tatsache. Der Begriff der Religionsphilosophie, 34* 515