Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 514 (sequence 1)
- Language
- German
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Zur Würdigung der geschichtlichen Bedeutung Moses Mendelssohns Von Alfred Wiener L Die Zeitgenossen Moses Mendelssohns betrachteten als Schwerpunkt seines Wirkens nicht seine Leistungen auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaften und seine Stellung in der Entwicklung des Judentums überhaupt, sie sahen in ihm weit mehr den großen deutschen Philosophen, den Weltweisen. — Wenn wir heute die Darstellungen der Geschichte der Philosophie durchblättern und noch mehr, wenn wir die Systeme der einzelnen Disziplinen betrachten, so zeigt es sich, daß Moses Mendelssohns Bedeutung für die Philosophie außerordentlich gering gewesen ist, und daß sein Ruhm als Philosoph ihn kaum überlebt hat. Würde sein Name und die Erinnerung an sein Wirken aus dem Bereich der Philosophie überhaupt getilgt werden, man würde kaum eine Lücke entdecken. — Mendelssohn hatte das Glück und das Unglück, der geistvolle und beredte Interpret derjenigen philosophischen Anschauungen und Gedanken zu sein, welche die gebildete Welt seiner Tage ergriffen hatten und die in seiner Zeit lebendig waren. In dem Augenblick, als diese Gedankensysteme zusammenbrachen und von anderen abgelöst wurden, war Mendelssohn überlebt Es lag eine gewisse Tragik darin, daß er — anders wie etwa Maimonides — am Ausgang der Zeitperiode stand, so daß seine Werke beinahe das Abendrot einer versinkenden Epoche bedeuten. Die beiden großen Richtungen rationalistischen und empiristischen Denkens, auf der einen Seite Descartes, Spinoza, Malebranche und die Okkasionalisten, auf der anderen Seite Bacon, Hobbes, Locke, hatten in dem großen synthe- 514