Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Aus der Gedankenwelt des Dibbuk
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 505 (sequence 7)
- Language
- German
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Aus der Gedankenwelt des Dibbuk mus „den Anteil der Gerechten an der künftigen Welt". Doch für die Sünden- Iauterung liefert ihm die Kabbala, wiederum durch die arabischen Denker übermittelt, den indisch-griechischen Begriff des „Gilguls", der Seelenwanderung. Je nach der Schwere ihrer Sünde muß die Seele ihren Erdenlauf in verschiedener Gestalt wiederholen: im Tierleib, in Pflanze oder Stein. So gebannte Seelen kann nur ein Zaddik erlösen. In einem neuen Menschenleib Wiedergeborene läutern sich selbst Verirrte, ruhelose Seelen fahren als Dibbuk (Alb) in einen Menschen und werden mit ihm zugleich erlöst — Die Welt wimmelt von bösen Geistern. Doch auch Seelen vorzeitig verstorbener Gerechter weilen sehnsüchtig unter uns. Man hört ihre Stimme, ladet sie ein, und sie nahen. Die Einsicht in die Gefährlichkeit dieses Glaubens mindert nicht den Reiz seiner zarten Menschlichkeit: „Kanu man je wissen, wer einer ist, oder weshalb er wieder auf die Welt gekommen? Darum sei behutsam mit Armen, denn wegen der 3G im Verborgenen lebenden Gerechten erhält Gott die sündige Welt." Übersehen wir aber über dem Einzelnen nicht das Hauptkulturelement des ostjüdischen Bodens: die starken Quellen biblisch-talmudischer Gesittung, die selbst bei der Leitung durch die Kanäle des Zaddikismus nicht ihre ganze Kraft einbüßten. So heißt hier z. B. „Gedenke des Armen!" nicht nur Helfen, sondern auch Erfreuen. Die kongeniale Verlebendigung dieser Atmosphäre stempelt nicht minder als die eigentliche Handlung den Dibbuk zum sozialen Drama. Die Sprache ist dem Inhalt gleichwertig. Das posthume Liebesgeständnis des Schlußakles — ein literarisches Unikum — steht keinem der berühmten Liebesdialoge der Weltliteratur nach. Ebenda ein Schlummerlied aus Ansky's Sammlung, das geradwegs aus des Knaben Wunderhorn stammen könnte: Führt man die Braut zum Traugezelt, Hannele, du mein Hannele, du fein, Kommt herab ihre Mutter von jener Welt. Warum ist dein Antlitz Sehen zwei Engel sie von weitem, So bleich von Leid und Pein? Fassen ihre Hand, sie zu geleiten: Antwortet Hannele also und also: Hannele, du mein Hannele, du fein', Wie sollt' ich nicht weinen? Was bist du so geziert mit Gold, Der Festtag ist mir weh! Mit Silber und Edelgestein? Mein Kind führt man zum Traugezelt, Antwortet Hannele also und also: Ich muß von ferne steh'nl Soll»' ich nicht sein geziert? Führt man die Braut zum Traugezelt, alsbald Der Festlag ist mir groß, Geht ihr entgegen Jung und Alt — Mein' einzige Tochter, mein' liebliche Ros*, Kommt der Prophet Elia, Wird nun geführt zum Traugezelt, Den Becher in der Hand, Muß ich doch sein dazugesellt. Und spricht den Segen übers ganze Land. Ferner ein alliterierendes Wiegenlied: Lullu, Kindelein, Tote, Ungeborene! Ohne Wieg' und Windelein 1 Obn* ein Zeit Verlorene 1 505