Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Aus der Gedankenwelt des Dibbuk
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 504 (sequence 6)
- Language
- German
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Elsbeth Meyer-Neumann theislische Strömungen geworden war. Auf dem Wege über die arabischjüdischen Denker hatte sie manche Idee der klassisch-griechischen und alexandrinisch-jüdischen Philosophie entlehnt, z. B. die Sphärentheorie. Auch der Hang zu Zahlen- und Buchstabenspekulationen, Amuletten und Zauberformeln geht auf d.'e Kabbala zurück, deren phantastischer Reiz sich zu der nüchternen Gemara verhält, wie nach Heine der Garten der Agada zur Fechtschule der Halacha. „Unter der Erde ist noch eine Welt mit Feldern, Wäldern und Meeren, wo aber nie die Sonno scheint. Ewig weht eisiger Sturm. Das ist die kalte trockene Gemara. — Doch dio Kabbala öffnet den Himmel, schlägt den Saum des großen Vorhangs zurück und hebt uns zum En-Sso£f Eine andere Lösung des Weltproblems findet die Funkentheorie, die auf den Baalschem selbst zurückgeführt wird: Gott durchdringt und durchstrahlt das All; in jedem Einzelwesen sind Funken der Gottheit verborgen und sehnen sich nach Wiedervereinigung „mit der großen Flamme, die mit ihrer Gewalt höchste Berge und tiefste Täler in Eins zusammenschmilzt". Aus dieser dem reinen Monotheismus wesensfremden Wellvergottung wird nun echt paniheislisch gefolgert: wenn Gott Alles und in Allem ist, muß auch im Bösen ein Funken seiner Heiligkeit verborgen sein, ja, das Böse ist ein Teil von Gottes Wesen, die „Sitro acheiroh", Gottes andere Seite. Darum soll man mit der Sünde nicht Krieg führen, sondern sie nur „ausbessern". Ein Einfluß Spinozas, dessen Lehre sehr bald nach ihrer Entstehung bis nach Krakau gedrungen ist, scheint hier vorzuliegen. Spätchassidische Mystik weht in der Legende R. Nachmann's v. Brazlav vom lauteren Quell, der am Ende der Welt entspringt und ohne Zeit ist Nach ihm verzehrt sich das Herz der Welt in Sehnsucht, kann aber nicht seinen Ort am andern Weltende verlassen; sonst verlöre es den Quell aus den Augen.« Und dann würde die Welt verschmachten. So strömt es sein Sehnen in Liedern aus, die sich gleich Fäden um jedes einzelne Herz auf der Welt spinnen. Ein freundwilliger Wanderer sammelt sie und webt daraus die Zeit Hat er einen Tag fertig, so schenkt er ihn dem Herzen der Welt, das gibt ihn dem Quell, und so lebt dieser wiederum einen Tag. — Von einigen wird der „Quell" als die Transzendenz Gottes, von andern als der Messias gedeutet . . . An Fichte hingegen gemahnt der Satz: Gibt es in der Welt Einen, der von sich „Ich" sagen kann, außer dem einen wahren „Ich"? Tiefer aber als jedes dogmatische Problem bewegt die Frage des Jenseits das Volksgemüt Gleich dem Gesamtjudentum lehrt auch der Chassidis- 504