Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Aus der Gedankenwelt des Dibbuk
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 506 (sequence 8)
- Language
- German
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Elsbeth Mejer-Neumann: Aus der Gedankenwelt des Dibbuk Das ist echte Lyrik, keine empfindungsleere Nachahmung wie etwa die französisch-galanten Poesien der Pegnitzschäfer! Ja, die im i4- und 15. Jahrhundert von Deutschland stiefmütterlich verstoßenen Juden haben nicht nar in ihrer gutturalen Aussprache die mittelhochdeutsche Sprechweise, jedem Sprachkundigen erkennbar, gleichsam phonographisch festgehalten, sondern auch ihren deutschen Sprachschatz durch Jahrhunderte so treu bewahrt, daß ein Dichter darin noch heute künstlerische deutsche Sprach werte schaffen konnte. Durch den Sprachbau des Dibbuk, des Hohenliedes des Chassidismus, weht wie „wiegenliedheimliches Singen" der Hauch deutscher Poesie. Die Bedeutung dieses Phänomens wird nicht dadurch verringert, daß die Erben dieses Schatzes sich seines Ursprungs nur zum kleinsten Teile bewußt sind. Ebenso wie auch wohl die wenigsten jener früher für das Ostjudentum charakteristischen, auch heute noch nicht ganz verschwundenen „philosophischen Köpfe" ihr oft recht beträchtliches Wissen seiner Herkunft gemäß rubrizieren könnten. Kann aber dieser Umstand den Reiz des Erlebnisses schmälern, solche für die moderne Weltanschauung zu Fossilien gewordenen Begriffe, wie Sphärentheorie und Seelenwanderung, in diesen Hirnen noch als treibende Gedankenmächte zu entdecken? Überkommt uns dabei nicht ein Gefühl wie bei der Aufdeckung eines geistigen Pompeji? Eine vielleicht noch seltsamere Empfindung, ähnlich wie bei dem Gedanken an das durch den Weltraum zur Erde reisende Licht fernster Sterne, verschmilzt sich mit der Erkenntnis, daß in jener entlegenen Ostkultur die uralten Ideale des Judentums, obwohl vom Gewölk des Aberglaubens zeitweilig umdunkelt, doch in jahrhundertelanger Kontinuität die Leitsterne des Volksgewissens waren. Es vielleicht auch heut noch hier und da sind, obwohl geschichtsfremder Fanatismus zurzeit dort jede Äußerung jüdischer Geistigkeit mit Acht und Bann belegt. Schauen wir aber von Osten, wo man die Kette der jüdischen Kulturtradilion gewaltsam zerschneiden will, nach Westen, so wird hier der wundersame Wechselrhythmus alles Geschehens tröstlich offenbar. Wo immer in Westeuropa ein Hauch sittlicher Erneuerung sich zu regen beginnt, sieht man die alten jüdischen Ideale als kategorische Forderung aufs Neue wirksam werden. In dieser neu entstehenden Vertrautheit mit den einst allgemein anerkannten ethischen Bindungen liegt vielleicht der tiefste Grund für das Verständnis, das Ansky's Drama bei uns gefunden hat Das gleichgerichtete sittliche Streben baut die Brücke zwischen Ost und West 506