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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 503

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Aus der Gedankenwelt des Dibbuk
Date
1926-12-01
Page
503 (sequence 5)
Language
German
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Aus der Gedankenwelt des Dibbuk sank. Erschütternd schildert Linetzki diese Zustande in „Das chassidische Jüngel" (Warschau 1869), das der dem Chassidismus entstammende Verfasser fast mit dem Leben gebüßt hätte. So ward das Zaddikideal, diese unjüdische Übersteigerung des Menschenbegriffs, dem aus reinster Menschenliebe geborenen Werk des Baalschem zum Fallstrick. Zur Darstellung seines Weltbildes benutzt der Chassidismus die Sphärentheorie; der Urgrund des Alls ist die ruhende Gottheit, hebräisch En-Ssoff, der Unendliche. Aus ihm sind 10 Sphären hervorgegangen, eine immer der anderen übergeordnet Je näher Gott, um so ätherischer, nur als Kräfte und Urbilder wirksam. Je näher der Erde, um so stoffhafter. Alles, was sich hienieden begibt, hat Vorbild und Widerklang in der höhern Welt Dem irdischen Gericht entspricht ein himmlisches, ein auch im Talmud vorkommender Gedanke: „Ein Fehlspruch des irdischen Gerichts beunruhigt, das himmlische." Des Menschen Wille beeinflußt die oberen Sphären, zwingt sie sogar: „Und wenn es in den höchsten Welten vielleicht anders beschlossen ist, so will ich diesen Spruch zerbrechen." Die wahre Welt ist die himmlische. Ihr entstammt die Menschenseele und dahin sehnt sie sich während ihres Lebenswandels immer wieder zurück. So beginnt und endet das „zwischen zwei Welten" schwebende Drama: „Warum, ach warum muß die Seel' Aus Himmelshöh'n herab zum tiefsten Grund? Getrost! birgt doch der tiefe Fall Den Aufschwung schon in sich!" Dann aber besteht noch eine Welt der „schwarzen Gewalt", die wie eine Schale von unten den Rand der lichten Sphären umfängt: Das Reich Sammaels, des Teufels. Auch über diese Welt kann der Mensch Gewalt erlangen, läuft aber Gefahr, dem Bösen ins Netz zu gehen. Eine so stattliche, förmlich Dantesche Geisterhierarchie öffnet sich hier, daß wir angesichts dieser üppig quellenden Mythologie erstaunt fragen: ist das noch Judentum, noch Monotheismus? Das Rätsel löst sich, wenn wir dem Ursprung dieser so weit von „der keuschen Diskretion des klassischen Judentums" abweichenden Vorstellungen nachgehen. Es ist die Kabbala, jene so gepriesene wie befeindete Geheimlehre, die um die Mitte des i3. Jahrhunderts von Spanien aus sich verbreitete und schon seit ihrem Beginn ein Sammelbecken für allerlei poly- 503

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