Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Aus der Gedankenwelt des Dibbuk
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 502 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895465-2897312--01488-2897439- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Elsbeth Meyer-Neumann dieser idealen Frühzeit pulst auch in der Zaddikgestalt des Dramas, auf die der Dichter ein Gleichnis des Dyzwazdower Zaddik überträgt: Einst wollte sich ein reicher Mann mit einem Weisen beratschlagen. Der führte ihn ans Fensler und hieß ihn hinausschauen. „Was siehst du?" „Menschen!" Dann zum Spiegel. „Und was siehst du jetzt?" „„Mich."" „Siehe," spricht der Weise: „Fenster und Spiegel sind beide aus Glas. Wenn aber nur ein wenig Silber hinzukommt, hört der Mensch auf, andere zu sehen und sieht nur noch sich!" Dauernd jedoch vermochte der Chassidismus sein Ursprungsprinzip, die Gleichheit aller Menschen vor Gott, nicht aufrechtzuerhalten. Die schwer frohnende Menge kam zu der Überzeugung, daß ihr mühsam dem Tagewerk abgerungenes Gebet nicht die Heilswirkung haben könne, wie das des Zaddik., Darum mußte dieser das Gebet des Volkes vor Gottes Thron tragen. Völlig abirrend vom Geist des Judentums, nach welchem jeder Mensch selbst für sein Heil einzutreten hat, wird der Zaddik zum Mittler zwischen Gott und Menschen. In jeder Not wallfahrtet man zu ihm. „Eine ganze Welt breitet ihr Leid vor ihm aus." Man war überzeugt, der Zaddik könne sogar Tote ins Leben rufen und die Zukunft lenken. Mit der Zeit entstanden zahlreiche Zaddikimdynastien, die ganze Provinzen gleichsam päpstlich beherrschten. Gegen ihre Unfehlbarkeit gab es keinen Einspruch: „Der Rabbi wird dir nicht Unrecht tun, der Rabbi kann gar kein Unrecht tun" (3. Akt). Allsabbatlich versammeln sich die Gläubigen zur mystischen Mahlzeit um den Zaddik, seiner Weisheit so entzückt lauschend wie etwa ein Wagnerianer dem Parzival Köstlicher Humor durchsprüht die Lobreden der Ballanim (von Almosen lebender frommer Grübler) auf ihre Lieblingszaddikim: den goldenen Thron des einen Zaddik, des anderen Wagen, der eigentlich die Merkaba, der Wagen aus der Vision Ezechiels, sei. Je mehr aber der Zaddikismus erstarkte, je mehr trübte sich seine Reinheit. Diese, nur auf Gefühl und Phantasie gebaute Lehre konnte aus sich nicht die kritische Kraft gegen den immer üppiger wuchernden Wunderglauben erzeugen. Auch im Dibbuk werden diese Zustände gestreift Da ist ein Wundermann, der mit dem Gottesnamen Brände entfacht und löscht, der, was hundertmeilenweit ringsum geschieht, sehen, Wein aus der Wand zapfen, sich unsichtbar machen und den Teufel beschwören kann. In Wechselwirkung mit der geistigen Verwilderung des Volkes durch den Aberglauben stand die sittliche Verwahrlosung des Zaddiktums, bis dieses zuletzt zu ausbeuterischem Unwesen auf Kosten der gläubigen Menge herab- 502