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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 501

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Aus der Gedankenwelt des Dibbuk
Date
1926-12-01
Page
501 (sequence 3)
Language
German
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Aus der Gedankenwelt des Dibbuk Er verkündigte der Menge, daß Herzensfrömmigkeit and gute Werke bei Gott höher stehen als gelehrtes Wissen und rituelle Übung. Höchsten Wert aber legte er dem Gebet bei, denn dieses vermag den Menschen zur Gottesnähe zu erheben. Und dieser Weg steht jedem, hoch oder niedrig, gelehrt oder ungelehrt, offen, wenn er ein Chassid (ein wahrhaft Frommer) ist Den unschätzbaren Wert der Einzelseele schildert die Legende „Von den Stufen der Heiligkeit" mit einer, das Volksgemüt fast aufrührerisch packenden Kraft: Aller Heiligkeiten Heiligkeit schließt der Augenblick in sich, wenn im heiligen Lande, in der heiligen Stadt Jerusalem, im Allerheiligsten des heiligen Tempels, am Versöhnungslage, dem heiligsten Tage des Jahres, der Hohepriester den allerheiligsten Goltesnamen ausspricht. Wehe, wenn ihm dabei eine sündige Regung unterliefe 1 Das Weltall könnte darob erschüttert werden. AI:er siehe! Jeder Ort, von dem aus ein Mensch seine Gedanken himmelwärts richtet, ist heiliges Land, jeder Tag, da er es tut, ein Versöhnungstag, jeder Mensch ein Hohepriester, jedes seiner Gebete ein Gottesnamen und jedes Straucheln einer Seele bringt alle Himmelssphären in Verwirrung. Abweichend von der klassisch jüdischen Tradition (Maimonides) gilt dem Chassidismus nicht die Gotleserkenntnis durch Vernunft, sondern die mystische Vereinigung mit Gott als Ziel der menschlichen Sehnsucht Dieses Ziel ist nur ungetrübter Seelenheilerkeit erreichbar! Darum bejaht der Chassidismus, ungleich dem asketisch gesonnenen Pietismus, die Lebensfreude. Gesang, Tanz und Wein, (der Armut der Gegend gemäß meist Branntwein), verhelfen bei den gemeinsamen Andachtsmahlen zur ersehnten Extase. Verzückte Gebeisinbrunst erlebt schon auf Erden den Himmel. Ja, der nur Göttlichem zugewandte Mensch durchbricht Raum und Zeit, empfängt Offenbarungen, vollbringt Wunder. Das ist die Stufe des Zaddik, des vollkommen Frommen: das höchste Menschenideal des Chassidismus — und zugleich der Wendepunkt seiner Entwicklung! Diese ursprünglich durch und durch demokratische Lehre ergriff die Judenheit ganzer Landstriche mit solcher Gewalt, daß noch bis heute der Kern der jüdischen Einwohnerschaft Südwestrußlands und Galiziens sich als Chassidim fühlt Die Verkörperung des Zaddikideals erblickte das Volk zunächst in dem Basischem, seinen Angehörigen und Schülern, die vielfach begüterten Familien entstammten. So bildete sich eine neue geistige Aristokratie. Denn auch aus den Reihen der rabbinischen Gelehrten strömten, bezaubert von der Poesie und Herzenswärme dieser Weltanschauung, zahlreiche Jünger herzu, die des Meisters Lehre philosophisch ausbauten. Der starke soziale Herzschlag 501

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