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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 497

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Der Esra-Apokalyptiker
Date
1926-12-01
Page
497 (sequence 15)
Language
German
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Der Esra-Apokalyptiker lehrreicher scheint mir, daß dieser Esra Größeres als Bücher, nämlich die Menschen und die Natur gekannt hat, nicht als Gelehrter, aber als klager und hellsehender Mensch- Was für ein kluges und reifes Urteil zeigt die Stelle in der ersten Vision (I, 5, 3ff.; I, 6, i—9) über die Moral der Einwohner Rom-Babels, verglichen mit denen von Zion, gipfelnd in den Sätzen: „Überall bin ich umhergekommen bei den Völkern und habe sie glückselig gefunden, aber deiner Gebote dabei nicht eingedenk. . . . Einzelne Menschen zwar magst da finden, die deine Gebote beobachtet haben, ganze Völker aber findest du nicht." Naturkenntnis des Kaufmanns zeigt III, 7, 7, wo die Metalle Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei und der Ton so nebeneinander in der Stufenleiter aufgeführt werden und der Grundsatz aufgestellt wird: Was häufig ist, ist billig; was selten ist, ist teuer. So könnte man noch manches anführen, das uns fast modern erscheint, z. B. jene Anschauung, daß doch nur ein ganz kleiner Teil der Menschheit wert sei, geschaffen worden zu sein; die große Masse sei wert, weggetan zu werden, also „Kulturdünger". Natürlich sind im gleichen Kopfe die abenteuerlichsten Vorstellungen vom Basenioth und Leviathan noch lebendig; und alles das, was ein Mensch i1/2 Jahrtausende vor Kopernikus, Galilei, Kepler und Newton von Naturgeschehen als sicher ansah, ist auch ihm unbezweifelt . Ich stelle mir diesen Mann am liebsten als einen Kaufmann vor, der seinen Wohnsitz mindestens nach der Zerstörung Jerusalems in Rom genommen hatte, der aber viel in der Welt herumreiste und auch Palästina kannte. Er mag in seiner Gemeinde als Lektor tätig gewesen sein, so oft er in Rom war, und war gewiß dort ein angesehener und viel beachteter Mann. Unsäglichen Schmerz hat ihm die Verwüstung Jerusalems bereitet, und eine ständig erneute Qual war es ihm, die Bilder am Triumphbogen des Titus sehen zu müssen, welche die Wegführung der heiligen Tempelgeräte und der gefangenen Juden darstellten. Von diesen Bildern, die das Klagelied IV, 6, 4 in sieben Zeilen schildert, kam er innerlich nicht los. Hierdurch entstanden die Fragen, Zweifel und Probleme, die sein armes Hirn durchkreuzten. Ein© Lösung fand er nicht, da er weder zu den frechen, revolutionären Gottesleugnern gehört, noch zu den begeisterten Frommen, die Gott auch für das Leid zu danken gelernt haben. Er ist eine sanfte, elegische Natur, ein Träumer, wo und wann es sein darf; aber einer, bei dem Erhabenes und Nüchternes miteinander verbunden sind. Sein Gebet ist echt, wahr, innig, — aber nicht befreiend, belebend, Gott erfassend. 33 497

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