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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 498

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Der Esra-Apokalyptiker
Date
1926-12-01
Page
498 (sequence 16)
Language
German
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Bruno Violet: Der Esra-Apokalyptiker So wundervoll vieles in seinem Buche ist, so gehört das Ganze doch nicht zu den Kraftquellen der Menschheit Wir wundern uns nichi, daß die Synagoge dies Buch einst abgelehnt hat, als es noch gefährlich, entmutigend und erschlaffend, wirken konnte durch seine romantische Weichheit und tastende Unsicherheit Aber wir meinen, daß das Judentum dennoch Grund hat, stolz zu sein auf diesen reinen, edlen, gütigen Seher und Dichter. Wer du auch warst und wie du hießest, Esra-Salathiel, du warst ein echtes Kind Abrahams! Welche Wirkungen das Buch des Esra gehabt hat, ist schwer zu sagen. Ich habe schon erwähnt, daß die (hebräische) Baruch-Apokalypse, die um 116 n. Chr. geschrieben sein mag, m. E. eine polemisierende Antwort auf die Esra-Apokalypse sein dürfte, indem sie „aus der Chamade eine Fanfare" machte. Ich glaube auch, daß das christliche Buch, welches „Hirt des Hermes" heißt und um i3o—i5o in Rom entstanden zu sein scheint, an manchen Stellen gegen die Esra-Apokalypse ankämpft Aber Weiteres ist noch dunkel und bedarf noch der Untersuchung, zum Beispiel: Ist Muhammed im Koran direkt oder indirekt von Ap. Esra beeinflußt? Hat das Buch Wirkungen auf die bildende Kunst des Mittelalters, im Abendlande oder im Morgenlande, z. B. in Abessinien, ausgeübt? Ist Dante, der als genauer Kenner der lateinischen Bibel sicherlich auch den Uber quartus Esdrae gelesen hat, in seiner Schilderung der Hölle und des Fegefeuers dadurch beeinflußt worden? — Sehr merkwürdig ist eine wohl sonst noch nicht beobachtete Ähnlichkeit im Ausdruck des Cap. V der XIIL Sitzung des Tridentinischen Konzils in bezug auf das Fronleichnamsfest „ut eius adversarii in conspectu tanti splendoris et in tanta universae Ecclesiae laetitia positi vel debilitati et fracti tabescant vel pudore affecti et confusi aliquando resipiscant" mit der Stelle Ap. Esra lat VII, i3. i4 (bei mir III, n, i3. i4); um so merkwürdiger, als gerade dieser Abschnitt in der katholischen Bibel, der Vulgata, fehlt und erst im 19. Jahrhundert durch Bensly in der Handschrift von St Germain, seitdem in mehreren spanischen und französischen Mss., zuletzt in einem Ms. zu Gotha wiederentdeckt worden ist Wenn der Verfasser jenes Cap. V der XIIL Sitzung diese Stelle aus der Esra-Apokalypse gemeint hat, so hat er sie auf Grund eines dieser Mss., und nicht aus den in Italien gebräuchlichen Bibeltexten gekannt — So gibt es der Fragen noch viele. Aber wichtiger als diese Fragen ist es, das Buch selber zu lesen und diesen merkwürdigen Geist kennen und lieben zu lernen. Dazu wollte mein Aufsalz anregen. 498

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