Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Der Esra-Apokalyptiker
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 496 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Bruno Violet arbeitet und zusammengesetzt worden sei, noch dazu recht ungeschickt und widerspruchsvoll, das ist jetzt wohl unbestritten, seit H. Gunkel sein Auge darauf gerichtet und seine Schüler darüber belehrt hat; was daran etwa noch zweifelhaft war, hoffe ich in der Einleitung zu meiner Ausgabe endgültig klargelegt zu haben. Natürlich hat jener eine Verfasser nicht ganz ohne Vorarbeiten geschrieben, hat sicherlich hebräische Quellen, mündliche und wohl auch schriftliche, Volksüberlieferungen und Volksvorstellungen benutzt, vielleicht sogar auch griechische Vorlagen nach Art der sibyllinischen Orakel nicht verschmäht, aber es ist eine ringende Seele, ein frommes Gemüt, ein denkender Kopf, die sich hier kundtun. Die Befruchtung dieses Geistes durch ältere Vorbilder raubt dem Ganzen nichts von seiner Originalität Er nennt sich meist Esra, ganz am Anfange des Buchs einmal „Salathiel, auch Esra genannt". Dieser Salalhiel-Esra ist uns in der heutigen Bibelüberlieferung nicht bekannt; aber es gibt, wie ich in meiner Einleitung (S. XLIIIf.) gezeigt habe, in alter Literatur mehrere Stellen, die einen solchen Mann voraussetzen oder vermuten lassen. Sicher darf man wohl annehmen, daß unser Verfasser sich nicht hat mit dem berühmten Gesetzesschreiber Esra des 5. Jahrhunderts gleichsetzen wollen, sondern mit einem wenig bekannten Esra, der die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im Jahre 586 n. Chr. erlebt hat und dessen Schriftstellern dreißig Jahre später, also in die Mitte des 6. Jahrhunderts fiel. Es kam ihm darauf an, als Augenzeuge der Zerstörung der Stadt Jerusalem und des Lebens in den ersten dreißig Jahren der Verbannung zu gelten; dazu wählte er sich jenen „Vormann". Natürlich haben die Zeitgenossen, an solche Pseudonyme gewöhnt, die Vermummung leicht durchschaut und Babylon richtig mit Rom übersetzt Aber eins ist unserem Verfasser, jedenfalls für die Späteren, gelungen, nämlich seinen eigenen bürgerlichen Namen geheim zu halten. Er wäre wohl gar zu sehr von der römischen Polizei bedrängt worden, wenn man den Verfasser des Adlergesichts hätte auf seinem Grundstücke in Rom finden können! Sicher war er ein gutgebildeter Mann, wenn er auch wohl nicht die eigentlich rabbinische Bildung besessen hat Eine gewisse Bibelkenntnis wird jeder fromme Jude der Zeit gehabt haben; unser Apokalyptiker hat einige, aber wenige Bibelstellen genauer zitiert Ganz deutlich wird in den Gesichten, daß er jüdische und griechische Literatur in einem gewissen Umfange gekannt und benutzt hat Eins der Bücher, das er gelesen haben muß, kennen wir jetzt zum Teile, die sog. Antiquitates biblicae des Pseudo-Philo. Aber wichtiger und 496