Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Der Esra-Apokalyptiker
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 495 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895465-2897311--01480-2897432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Esra-Apotalyptiker Freilich sehen wir Heutigen, die Bedeutung des Buchs vielleicht an anderen Stellen als die Früheren. Den jetzigen Leser mögen die Abschnitte 4—7, die eigentlichen Gesichte und die Aufträge, wohl weniger berühren als die ersten drei, die Zeichen und Gleichnisse. Zeiten, in denen religiöse Probleme und Weltanschauungsfragen in den Herzen emporschießen wie Pilze auf feuchtwarmem Boden, müssen sich gerade für die Problematik jenes Ringens einer wunden Menschenseele mit Gott viel stärker interessieren als für Gesichte, deren Wert und Bedeutung längst hinter uns liegt Indessen können die Zeiten sich ändern, und Geheimnisvolles behält immer seinen Reiz nicht nur für Geheimniskrämer, sondern auch für naive Gemüter. Bedenkt man, wie heutzutage die christlichen Sekten und Gemeinschaftskreise gerade die dunkelsten Schriften bevorzugen, Daniel im Alten Testament und die Offenbarung Johannis im Neuen, so dürfte man sich nicht wundern, wenn einmal die Esra-Apokalypse gerade in den Gesichten zur Fundgrube neuer Endzeit-Geheimnisse gemacht und sozusagen neu entdeckt würde. Vorläufig wird dies in Deutschland dadurch verhindert, daß das Buch in die deutschen protestantischen Bibeln nicht aufgenommen ist und die katholische lateinische Bibel, die es besitzt, von Laien — und das sind die Sektenführer — nicht gelesen werden darf. Daß jene alte Zeit Interesse auch für die eigentlichen Probleme des Buchs hatte, beweist seine Benutzung durch die „Griechische Esra-Apokalypse" (herausgeg. von C. Tischendorf 1866) und durch die griechische Sedrach-Apokalypse (herausgeg. von M. R. James 1893), in denen fast nur die ersten drei Abschnitte unseres Buches anklingen (s. m. Bd. I, 1910, S. LI—LIX). Dasselbe wird durch die (hebräische) Baruch-Apokalypse bezeugt, in der ein etwas jüngerer Zeitgenosse die Lehre des Esra-Apokalyptikers zwar wesentlich bekämpft, aber tatsächlich auch benutzt, indem er sie umbiegt Aber dieser Leser setzt auch gerade den Gesichten mit Absicht seinerseits andere Gesichte entgegen. Trotzdem bin ich der Meinung, daß die starke Benutzung des Buchs, die sich in der Übersetzung in so viele Sprachen kundtut, und seine Erhaltung in der christlichen Kirche weniger durch seine Probleme als durch seine merkwürdigen Zeichen und Gesichte zu erklären ist Wie dem auch sei, jedenfalls hat der Verfasser ein Werk geschaffen, das auf Mit- und Nachwelt stark einwirkte. Wer war dieser fromme Dichter und Seher? Denn daß diese Apokalypse das Werk eines Mannes ist und nicht, wie die Kritik früherer Jahrzehnte behauptet hat, von einer ganzen Reihe von Verfassern herrührt, deren W7erklein durch einen Redaktor oder gar mehrere, über- 495