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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 492

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Der Esra-Apokalyptiker
Date
1926-12-01
Page
492 (sequence 10)
Language
German
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Bruno Violet Er sagt ihm den Untergang an. Da verschwindet das letzte Haupt, die zwei Schwingen herrschen kurz und verschwinden, der ganze Adlerleib verbrennt, und die Erde erzittert Entsetzt erwacht der Seher, erbittet Erklärung und erhält sie: Der Adler ist das vierte Königreich, das seinem Bruder Daniel erschienen ist Schwingen und Häupter sind Könige, die Nebenschwingen desgleichen. Der Löwe aber ist der Messias, der am Ende der Tage aus dem Samen Davids hervorgehen wird. Er wird den Adler vor Gericht stellen, schelten und vernichten; aber das Volk Gottes wird er gnädig erlösen und beglücken. Diese Vision verlangte natürlich eine historische Deutung, die aber bisher noch nicht restlos gegeben ist Die zwölf Schwingen müßte man, paarweise gezählt, auf sechs Könige oder Kaiser, vielleicht Doppelkönige genannt, deuten, auf die Reihe der Julier seit Cäsar, von denen der zweite, Augustus, der größte war. Die drei Häupter müßten die drei Flavier sein mit Titus in der Mitte, die sechs ersten Nebenschwingen könnte man auf Vindex, Nymphidius, Galba, Otho, Vilellius und einen sechsten Prätendenten verrechnen, während die zwei letzten Nebenschwingen auf Nerva und den beginnenden Trajan zu deuten wären. Aber, da man schon in unserem Buche selber Unstimmigkeiten sehen und Abänderungen beobachten kann, wird diese Adlervision als übernommenes Gut beurteilt werden dürfen, das vielleicht vor der Lebenszeit unseres Esra- Apokalyptikers schon bestanden und sehr andersartige Deutungen früher gefordert und zugelassen hatte. Ist das Buch, wie ich annehme, wirklich im 3o. Jahre nach der Zerstörung Jerusalems, also im Jahre 100 n. Chr., geschrieben, so muß der Anfang der Regierung Trajans, dem man baldiges Ende weissagen zu können glaubte, sein zweites Regierungsjahr, der Ausgangspunkt der Deutung für die letzte Nebenschwinge bleiben. Inhaltlich das Wichtigste im ganzen Gesichte ist die Erscheinung des Löwen (aus Juda), des Messias. Dieser Abschnitt endet mit dem Auftrage, alles Gesehene niederzuschreiben, aber geheim zu halten und nur die Weisen des Volks zu lehren. Eine Volksepisode, ähnlich der am Schlüsse des ersten Abschnittes, aber ohne Volksführer, beendet dies Gesicht Das Volk ruft dem Seher zu: „Du allein bist uns von allen Propheten geblieben wie die Traube von der Weinlese, wie die Leuchte an finsterem Ort und wie für das Schiff der Hafen der Rettung." Mit einem Trost an das weinende Volk, dem Versprechen, bald wieder zu ihm zu kommen, und mit dessen Entlassung schließt dieser Teil. 492

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