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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 490

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Der Esra-Apokalyptiker
Date
1926-12-01
Page
490 (sequence 8)
Language
German
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Bruno Violet Jetzt soll der Seher neue sieben Tage warten. Aber, da die Hauptprobleme erledigt sind, wenn auch nicht zur völligen Befriedigung des Suchenden, soll er nun nicht mehr fasten, sondern sich auf eine Blumenwiese setzen und sich von deren Kräutern nähren, auf eine Wiese, da kein Haus gebaut ist Warum dies befohlen wird, erfährt er später. Der vierte Abschnitt bringt die „Zionvision", das erste der drei Gesichte, zugleich auch das stilistisch schönste, ein. Juwel der hebräischen erzählenden Prosa. Dem auf der Wiese liegenden und zu Gott über das ewige Gesetz und sein vergängliches Behältnis, das Menschenherz, betenden Seher erscheint zur Rechten ein Weib, wehklagend, trauernd, mit Asche bestreut und zerrissener Gewandung. Auf seine teilnahmsvolle Frage erzählt sie: „Unfruchtbar war deine Magd und gebar nicht, während ich dreißig Jahre mit meinem Manne lebte. Und ich betete doch täglich und stündlich in diesen dreißig Jahren zu dem Höchsten bei Nacht und bei Tage. Da, nach dreißig Jahren, erhörte Gott deine Magd und sah auf meine Gebeugtheit; er achtete auf meine Trübsal und gab mir einen Sohn. Und ich freute mich sehr über ihn, ich und mein Mann und alle meine Nachbarn, und wir priesen den Gewaltigen. Und ich zog ihn mit großer Mühe auf. Und als er nun herangewachsen war, ging ich hin, ihm ein Weib zu nehmen, und richtete den Hochzeitstag aus. Als aber mein Sohn in sein Brautgemach trat, fiel er hin und war tot Da stießen wir die Leuchter um. Und alle meine Nachbarn machten sich auf, um mich zu trösten. Und ich blieb ruhig bis zum nächsten Tage, zur Nacht Als aber alle aufgehört hatten, mich zu trösten, stand ich schweigend auf in der Nacht und entfloh und kam so, wie du mich siehst, auf dies Feld. Und ich gedenke, nicht mehr in die Stadt zurückzukehren, sondern hier zu bleiben, und werde nicht essen noch trinken, sondern ohne Unterlaß trauern und fasten, bis ich sterbe." Vergeblich fordert der Seher sie auf, sich zu trösten mit dem Schicksal der Mutler Zion oder mit dem Schicksal der Mutter Erde, die so viele gebären müsse, nur um sie vergehen zu sehen. Ja, er tadelt sie heftig und singt ihr ein. siebenfaches Klagelied über Zions Untergang, in das sie einstimmen solle. Da plötzlich erglänzt sie wie der Blitz, schreit fürchterlich auf und verwandelt sich in eine gewaltige Stadt Das ist zuviel für den Armen. Auf seinen entsetzten Hilferuf kommt der Engel Uriel, richtet den Betäubten auf und gibt ihm die Erklärung des furchtbaren Gesichts: Dies Weib ist Zion. Dreitausend Jahre hatte die Welt bestanden, ehe Salomo die Stadt erbaute und darin Opfer dar- 490

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