Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Der Esra-Apokalyptiker
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 487 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Esra-Apokalyptiker Traum und läßt den müden, erschöpften Propheten zurück. Der Engel stärkt ihn, der Volksfürst Pelatja (Phalthiel) findet ihn und will ihn aufrichten. Aber der Prophet will allein bleiben. Der zweite Abschnitt beginnt nach sieben Fastentagen mit einem neuen Gebete, das mit den Worten schließt: „Wenn du wirklich dein Volk hassest, so hätte es von deinen Händen gezüchtigt werden müssen." Daß Israel, der Weinstock Gottes, der Garten, die Lilie, der Bach, die Taube, das Lamm Gottes, von den vielen Völkern zertreten wird, das ist das Unbegreifliche. Wieder kommt der antwortende Engel, hört die Klage: „Warum ward ich geboren, warum ward meiner Mutter Schoß nicht mein Grab?", wieder stellt er unlösliche Aufgaben, die den Armen dahin führen sollen, zu verzichten, Gottes Urteil zu ergründen und das dem Volke verheißene Liebes-Ziel. Doch wieder erhebt der Seher Fragen: Ja, wenn man am Ziel wäre, so hätte man des Rätsels Lösung! Aber wir stehen noch fern dem Ende, vielleicht weit davon entfernt — Durch das Bild vom Kreise der Tänzer soll er getröstet werden, vom Reigen, in dem es kein Früher oder Später gibt Vor Übereilung soll er sich hüben, da auch der Mutterschoß nicht zehn Kinder auf einmal hergeben kann; alles kommt zur rechten Zeit bei Gott! Ein seltsamer Trost ist der Hinweis darauf, daß das Ende bald kommt: die Menschen werden kleiner an Wuchs, das Altern der Schöpfung zeigt sich daran! — Aber neues Fragen beginnt: Durch wen wird Gott die Schöpfung heimrufen? Nur selber kann der Schöpfer es tun! Rätselhaft Frage und Antwort nach der Weltenwende: Von Abraham bis zu Abraham! Mit neuen Zeichen der Endzeit, mit Erdbeben und tiefer innerer Erschütterung, mit der Forderung von sieben weiteren Fasttagen und der Versicherung der Gottgefälligkeit des frommen Fragers schließt die Wechselrede. Der dritte Abschnitt, länger als die beiden ersten zusammen, ist der am schwersten durchsichtige. Fragen und Probleme steigen auf, steigen ab; sie werden beantwortet, aber nicht beschwichtigt Das einleitende Gebet, gleichsam ein Midrasch zum Sechstagewerk, mündet wieder in die Frage des Anfangs: Warum zertreten die Völker, die doch nur Speichel und Tropfen am Eimer sind, den Erstgeborenen, Einzigen, Auserwählten und Geliebten, das Volk Gottes? Ja, die Welt hier ist nur enge Zufahrt zu weitem Meere, schmaler, gefahrvoller Weg zur Heimat! Das macht der Fluch, der seit Adams Fall auf dem Menschen liegt Vergängliche und sterbliche Wesen können die künftige Welt nicht gewinnen, ehe sie durch diese Welt zu Ende gegangen 6ind. 487