Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Der Esra-Apokalyptiker
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 486 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bruno Violet teilong gefunden werden, durch die das Buch in „Zeichen" (I—III), „Gesichte" (IV—VI) und „Aufträge" (VII) zerlegt wird. Abschnitt I beginnt: „Im dreißigsten Jahr seit dem Fall unsrer Stadt war ich Salathiel, auch Esra genannt, in Babel, und lag da auf meinem Bette erregt, indem meine Gedanken mir das Herz beschwerten, weil ich die Verwüstung Zions sah und den Überfluß der Einwohner Babels." Es folgt eine lange, bange Frage an Gott, deren tiefstes Problem das ist: Warum hat Gott sein Volk Israel, das zwar als Ganzes nicht gut, aber jedenfalls nicht schlechter, sondern besser ist als die „Weltbewohner", vor allem besser ist als Babel-Rom, schlechter behandelt als die anderen? Hier taucht schon der wichtige Gedanke an das böse Herz auf, den bösen Trieb (jezer hara'), der das Menschengeschlecht vergiftet hat Hier findet sich auch die kluge, menschenkundige Äußerung: „Einzelne Menschen zwar magst du finden, die deine Gebote beobachtet haben, Völker aber findest du nicht" — Nun tritt der Engel Uriel auf, der als Interpret, als göttlicher Beantworter der menschlichen Fragen wirkt; er gibt dem Seher als Antwort auf die Frage nach dem bösen Herzen selber unlösliche Fragen auf und zeigt ihm die Unfaßlichkeit der Wege des Höchsten. Schon hier schreit der Seher auf: „Es wäre uns besser, garnicht zu sein, als geboren in Sünden, leiden zu müssen und nicht zu wissen warum!" Wer fühlte nicht die Seelenverwandtschaft mit jenem anderen, der die ewigen Mächte anklagt: „Ihr laßt den Armen schuldig werden; dann übergebt ihr ihn der Pein; denn jede Schuld rächt sich auf Erden!" Das Gleichnis von Wald und Wogen, die sich töricht bekämpfen und jedes einen stärkeren Feind finden, der Wald im Feuer, die Wogen im Sande, soll wieder die Torheit der menschlichen Fragen erweisen; aber es beruhigt nicht, die Fragen bleiben, die Menschen erscheinen wie Heuschreckenzüge, ihr Leben wie ein Lufthauch: Was ist es wert! Aber wo bleibt die Herrlichkeit des Namens Gottes? Wie wird sie gesichert? — Die Zukunft wird's lehren, das Ende bringt die Entscheidung, und das Gute ist reichlicher da als das Böse, dort viele Ähren, hier nur ein Samenkorn. Die Ernte kommt Aber der Mensch soll nicht eiliger sein als Gott; Gott hat Zeit, Er kennt das Maß der Zeiten. Ein Trost ist dabei: Es dauert nicht mehr lange, das Ende kommt bald. Denn nur wie der Tropfen zur Wolke, wie der letzte Rauch zur verlöschenden Flamme, so verhält sich die Endzeit, die Zukunft zur schon von der Menschheit durchlebten Vergangenheit In erregten, rhythmischen Versen werden die Zeichen des Endes geschildert, in geheimnisvollen, schaurigen, ahnungsvollen Bildern. Dann schwindet der 486