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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 479

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1926-12-01
Page
479 (sequence 17)
Language
German
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Wirklichkeit und antisemitische Deutung Motiven, glaubt Stapel den Pazifismus anführen zu können. Ich habe schon in früheren Aufsätzen darauf hingewiesen, daß der völkische Antisemitismus die Taktik befolgt, politisch ihm nicht genehme Richtungen als jüdisch zu bezeichnen, und seine politische Auffassung einfach als die deutsche hinzustellen. Pazifismus ist den politischen Prinzipien der Völkischen verhaßt; also ist er undeutsch, also jüdisch. Zu solcher Deutung aber meint Stapel berechtigt zu sein auf Grund der — falschen — Annahme, es bestehe zwischen den deutschen Juden und denen der übrigen Welt ein irgendwie politisch gearteter Volkszusammenhang. Aus dieser Annahme heraus glaubt Stapel sich nicht entbrechen zu können, alle die alten Ladenhüter antisemitischer Wurfzettel im Schlußteil seiner Schrift von neuem zu bringen, Ladenhüter, deren Unsinn nur noch ihrer Niedertracht gleichkommt: „Fast alle Juden, sogar fast alle Halbjuden, wurden während des Krieges Pazifisten." Hier stocke ich schon. Fast alle? *) Und während des Krieges? Wie kann Stapel das feststellen? Gibt es darüber eine Statistik? Ich kenne sie nicht Meint Stapel die jüdischen Frontkämpfer? Sie waren genau so viel und genau so wenig, Pazifisten wie ihre christlichen Kameraden. Daß im Schlamm und Blut der Gräben bei den Soldaten aller Länder die Sehnsucht nach Frieden erwachte, wer außer Kriegskorrespondenten oder höheren Stäben hat das nicht bemerkt? Als aber die Oberste Heeresleitung zum Frieden drängte, hat Rathenau die levee en masse gefordert! Und während des Krieges? Auch dieser Ausdruck ist bedenklich unbestimmt gehalten. Es kann nur heißen: während Ende des Krieges, als die Einsichtigen die Sinn- und Zwecklosigkeit weiterer Menschenopfer erkannten. Das waren aber nicht nur Juden, sondern im selben Maße auch Nichtj uden. Die Gutachten des Dolchstoßprozesses haben es zur Genüge bewiesen, wie weit pazifistische Gesinnung und Abscheu vor Fortsetzung des Krieges in den verschiedenen Bevölkerungsschichten, besonders auch in Bayern, J) Ich kann mir dieses „Fast alle" nur erklären, wenn Stapel alle diejenigen Menschen als Juden nimmt, die das antisemitische Schrifttum aus irgendwelchen Gründen zu solchen gestempelt hat. Diesem gelten Quidde, Gothein, von Gerlach, Eduard David, Lujo Brentano als Juden, ob sie gleich weder der Abstammung noch der Religion nach irgend etwas mit dem Judentum zu tun haben. In der antisemitischen Literatur Frankreichs habe ich als Juden gefunden: Den Arbeiterdichter Max Barthel, Kasimir Edschmid, Sombart und als Halbjuden Ludendorff. Es gibt wohl kaum irgend eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, die nicht irgendwann und irgendwo ein antisemitischer Tagesschreiber als ganzer, halber oder zehntel Jude angesprochen hat. Und wo das einmal geschehen ist, da gilt es dem Antisemitismus als Geschichtsquelle. 479

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