Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 477 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Wirklichkeit und antisemitische Deutung doch die Literaturen der Völker, wenn sie alle die Männer von sich ausschlössen, die in ihren Werken Eigenschaften ihrer fremden Herkunft zeigten! Lenau dürfte dann ebensowenig ein deutscher Dichter sein, wie Swift, Goldsmith, Stevenson, Browning und Joseph Conrad englische Dichter sein dürften. — Es sei noch eines analogiehaft verwandten Beispiels gedacht, das Stapel für seine Theorie verwenden zu können glaubt Er fragt: „Waren die Juden etwa kein Volk zur Zeit Jesu, als sie statt hebräisch aramäisch sprachen?" Wer hat denn das jemals bestritten? Bestritten wird nur, daß die Tatsache der aramäisch sprechenden Juden zur Zeit Jesu irgend etwas beweist gegen die Tatsache, daß die heutigen Juden deutscher Sprache und Kultur, im Zusammenhang mit dem ganzen Umkreis von Gemeinschaftselementen, deutschen Volkes sind. Aramäisch gehört mit dem Hebräischen, Phönizischen und dem Babylonisch - Assyrischen dem nördlichen Zweig des semitischen Sprachstammes an — es ist also eine Sprache, die ihrer ganzen Struktur nach dem Hebräischen verwandt ist, so etwa wie dänisch dem Deutschen. Seit dem 3. Jahrhundert vor Christi ist Aramäisch die offizielle Verkehrssprache weiter Gebiete Kleinasiens und Ägyptens. Wenn man aramäisch sprach und schrieb, wenn Land und Sitte, politischer Wille und religiöse Lebensgestaltung ungebrochen jüdisch blieben — weshalb sollten die Juden zur Zeit Jesu aufhören, ein Volk zu sein? Wenn aber alle diese Gemeinschaftselemente, mit Ausnahme der religiösen, weggefallen sind, wenn weder gemeinsame Muttersprache und Kultur noch gemeinsames Vaterland, weder gemeinsamer politischer Wille noch gemeinsame politische Hoffnungen mehr vorhanden sind, wie läßt sich da noch von einem jüdischen Volke, gleich dem französischen, deutschen oder englischen Volke, sprechen? IV. Die von den Völkischen hartnäckig festgehaltene Vorstellung, die Juden seien ähnlich wie Deutsche und Franzosen ein eigenes Volk, verführt dazu, auch in dem politischen Verhalten der Juden eine Triebkraft anzunehmen, die nicht den Interessen des deutschen Volkes sondern denen eines präsumtiven jüdischen Volkes entstammen soll. Nun führt es überhaupt zu Irrtümern, wenn man in der politischen Betätigung der Juden eine innere Einheit sucht Sie gehören allen Parteien an, außer denen, die den Antisemitismus programmatisch vertreten. Ihre Parteizugehörigkeit richtet sich fast durchgehend, wie bei den Nichtjuden, nach Klasse, Beruf und wirtschaf Üicher Inter- 477