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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 476

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1926-12-01
Page
476 (sequence 14)
Language
German
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Julius Goldstein Stapel ihn mit Chamisso. „Und wenn Chamisso uns deutsch erscheint, so doch auf Grund von Eigentümlichkeiten, die aus seiner natürlichen Verwandtschaft des französischen und deutschen Volkes erklärbar sind. Wer wird verkennen, daß Chamisso auch in deutscher Ausdrucksform wesentliche französische Eigenschaften nicht verleugnet" Dieser Vergleich Heines mit Chamisso ist falsch. Heines Muttersprache war deutsch, die Chamissos französisch. Daß Chamisso französische Eigenschaften offenbarte, macht ihn für Stapel noch nicht zu einem französischen Dichter. Daß Heine jüdische Eigenschaften offenbart, macht ihn für Stapel zu einem jüdischen Dichter (wobei zu beachten ist, daß manche peinlichen Züge Heines nur Ausdruck der Zeit und des historischen Schicksals sind). Die verschiedene Beurteilung entspringt der Behauptung Stapels, daß zwischen dem französischen und dem deutschen Volke natürliche Verwandtschaft bestände. Das mag anthropologisch zutreffen, aber nicht kulturell. Ich rufe zum Zeugen dessen Fichte an; ich weise auf Clausewitz hin und auf das Urteil eines Franzosen, der deutschem Geiste viel verdankt: Hyppolite Taine. Er hat sich in seinen Briefen und Tagebüchern mit dem deutsch-französischen Geistesproblem viel beschäftigt In einem Briefe an Georg Brandes führt er aus, daß französische Philologen, Physiologen und Botaniker mit Gewinn die deutsche Wissenschaft studieren; aber für alle außerwissenschaftlichen Gebiete gelte das nicht: „La distance des deux formes d'esprit est trop grande, surtout en literature, en religion, dans les arts, et en general dans tout ce qui touche le monde moral ... les cleux nations sont aux deux pöles." (H. Taine, Sa vie et sa correspondance tome III p. 212.) Ähnliche Urteile finden sich bei Nietzsche. Übrigens hat auch Stapel in seiner Schrift über „Volksbürgerliche Erziehung" die Grundverschiedenheit deutscher und französischer Geislesart betont Wenn er in seiner Schrift über Antisemitismus anderer Meinung ist — nun, so hat das wohl seine Gründe.' Aber schließlich: Ist man nur ein deutscher Dichter, wenn man keine herkunftsfremden Eigenschaften besitzt? Dann dürfte auch Fontane kein deutscher Dichter sein, denn ungleich stärker als Chamisso weist er — bis in die Struktur seiner Sprache — französische Züge auf und ungleich stärker als Chamisso hat er seine romanische Herkunft empfunden und betont Dann dürfte auch Peiöfi nicht als ungarischer Nafionaldichter gelten, weil er väterlicher- und mütterlicherseits serbischer Herkunft war (er hieß Petrowicz, und eeine Mutler lernte erst nach ihrer Verheiratung ungarisch). Wie arm wären 476

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