Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 473 (sequence 11)
- Language
- German
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Wirklichkeit und antisemitische Deutung sächsisch und normannisches Französisch zur englischen Sprache verschmolzen war. Daß es vielsprachige Staatsgebilde wie die Schweiz gibt, ist kein Einwand gegen die Bedeutung der Sprache für das Volkstum. Wenn solchermaßen, nach einem Worte Fichtes, „die Menschen weit mehr von der Sprache gebildet werden, denn die Sprache von den Menschen", dann mutet der Satz Stapels seltsam an: „Ebensowenig werde ich schon zu einem Angehörigen eines anderen Volkes, daß ich mich seiner sprachlichen Ausdrucksweise bediene. Selbst dann nicht, wenn sie mir zur Muttersprache wird." Man beachte die abstrakt technische Formulierung: „sich einer sprachlichen Ausdrucksform bedienen". Bedient sich Gundolf oder Wassermann, Wilhelm Fischer oder Lissauer „der sprachlichen Ausdrucksform" des Deutschen, wie sich etwa der Portier eines Hotels der verschiedenen sprachlichen Ausdrucksformen seiner französischen oder englischen Gäste bedient, um sich mit ihnen über Zimmerpreise und Wetter zu unterhalten? Und wird uns die deutsche Sprache zur Muttersprache? Dann müßten wir ja zuerst eine andre Muttersprache gehabt haben? Vor vielen Geschlechtern ist das wohl der Fall gewesen, wie es der Fall war bei den Vorfahren der Hugenotten, der eingedeutschten Polen und Wenden. Nimmt man den Satz Stapels in der absichtlich hervorgekehrten Abstraktheit: „Man wird nicht schon Angehöriger eines andern Volkes, daß man sich seiner sprachlichen Ausdrucksform bedient" — so ist dieser Satz auch nicht anwendbar auf die deutschen Juden. Wenn Volk im ethnischen Sinne genommen wird, dann ist der Satz eine Selbstverständlichkeit Nimmt man aber Volk im Sinne einer kulturellen Schicksalsgemeinschaft, dann trifft er für uns nicht zu. Denn die gemeinsame Muttersprache empfängt erst ihre entscheidende Bedeutung für die Volkszugehörigkeit, wenn man gleichzeilig alle andern oben aufgezählten Gemeinschaftselemenle hinzuninimt Es gibt Tschechen, die sich deutsch geschriebener Zeitungen bedienen, um tschechische National- und Kulturpolitik zu treiben. Und es gibt deutsche Separatisten, die sich der deutschen Sprache zu deutschfeindlichen Zwecken bedienen. Es gibt schließlich auch Nationaljuden, für die die deutsche Sprache nur ein Mittel ist, um für nationaljüdische Ideen zu werben. Für alle diese Sonderfälle möchte der Stapeische Satz zutreffen. Aber für uns Juden deutschen Volksbewußlseins ist die deutsche Sprache nicht eine Technik sprachlicher Ausdrucksform, sondern ein beglückender Wert, die Verleiblichung 473