Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 474 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Goldstein unserer Gedanken und Gefühle, ein anvertrautes Erbgut, das zu hüten und zu mehren auch dem begnadeten Menschen unseres Stammes hohe Pflicht ist1) Die gleiche Muttersprache, die Deutsch-Völkische genau so erlernen müssen wie wir, und die, nach einem bekannten Epigramm, der Meisterschaft nahezubringen einem Goethe erst im vierzigsten Jahre gelungen ist — die gleiche Muttersprache in dem köstlichen Reichtum ihrer heimatlichen Dialekte bedeutet ja nicht, eine mehr oder minder große Anzahl von Wörtern gemeinsam haben: Das Einigende und Innigsnde der Muttersprache lebt in dem, was jenseits des bloßen Wortes an Sinnbedeutungen mitschwingt, lebt in dem Schatz gemeinsamer Erlebnisse, die das Wort wie ein geheimnisvoller Zauber umwittern. Im Laut der Muttersprache zittern noch die Träume ferner Jugendtage, alles, was wir im Anlauf des Lebens erstrebt, im Ablauf verloren haben. Die Muttersprache bestimmt die Form unseres Denkens, die Bilder unserer Phantasie und schließlich die feinen Eigentümlichkeiten im Bau unserer Sprachwerkzeuge. Und diese seelischen Gewalten der Muttersprache, die bis ins Körperliche hinein den Menschen formen, sie wären bedeutungslos für die Volkszugehörigkeit einer Gruppe, die seit vielen Jahrhunderten in deutscher Sprachgemeinschaft lebt, und die seit vier Generationen dem deutschen Volke manch einen Meister deutscher Sprachkunst geschenkt hat! Aber Stapel glaubt, den Zusammenhang zwischen Sprache und Volkszugehörigkeit vermittels einer Analogie ad absurdum führen zu können. Er fragt: „War der Archipoeta ein römischer und nicht ein deutscher Dichter, weil er lateinisch dichtete? War Luther ein Römer, weil er einen gewichtigen Teil seiner Schriften lateinisch verfaßte? Waren Leibniz und A. von Humboldt Franzosen, weil sie ihre besten Werke französisch schrieben?" Was bezwecken diese törichten Fragen? Sie sollen den Leser zu der scheinbar analogen Frage verleiten: Sind die Juden Lissauer oder Gundolf Deutsche, weil sie ihre Werke deutsch schreiben? .Die Analogie bestände zu Recht, wenn: etwa Hebräisch die Muttersprache dieser Männer wäre, und sie aus irgendwelchen äußeren Gründen deutsch schrieben. Der Fall könnte einmal eintreten, wenn es in einigen Jahrzehnten vielleicht ein palästinisches Volkstum mit gewachsener jüdischer Kultur gäbe, und ein palästinischer Jude, dessen Muttersprache hebräisch wäre, sich der deutschen Sprache für die Abi) Das Hebräische ist für uns eine Kultsprache wie für die Katholiken das Lateinische. 474