Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 471 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Wirklichkeit und antisemitische Deutung Sprache, denn mit der Sprache verliert der eingewanderte Deutsche — Jude, Protestant und Katholik — auch das deutsche Kultur- und Volksbewußtsein.1) Ich kenne die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten genauer. Die aus Deutschland eingewanderten Juden bewahren ihr kulturelles Deutschtum oftmals viel länger als die eingewanderten deutschen Nichtjuden. Und wenn es sich um hilfreiche Betätigung deutscher Gesinnung handelt, so stehen die amerikanischen Juden deutscher Kulturherkunft an erster Stelle. Das gilt vor allem für die Unterstützung von charitativen und künstlerischen Instituten, die der Erhaltung des Deutschtums in Amerika dienen; das galt auch für die Hilfe, die nach dem Kriege der deutschen Heimat zuteil wurde. Die Millionen, die uns von 1918—1924 aus Amerika zuflössen, kamen zum größeren Teil, nicht wie unsre Zeitungen berichteten, von den deutschen Stammesgenossen, sondern von den deutschen Juden. Wer wie ich die Sammellisten in New York und Chicago eingesehen hat, der konnte feststellen, daß sowohl bei der Höhe der Beträge als auch bei der Zahl der Einzeichner die Namen von Juden deutscher Herkunft überwogen. Als es galt, die deutsche Not zu lindern, hat nicht die völkische Theorie über die Zugehörigkeit zum Deutschtum entschieden, sondern die lebendige deutsche Gesinnung von Menschen, die oftmals der Antisemitismus aus Deutschland vertrieben hatte, und die, ergeben ihrem neuen Vaterlande, der alten Heimat ihres Geistes nicht vergaßen. Wie hier die völkische Theorie versagt, so auch in den von Deutschland abgetrennten Gebieten. Ich gebe hier ein Zeugnis aus der völkisch eingestellten deutschen Hochschulzeitung (Folge i5), wo in einem Aufsatze „Was wir Deutsche in Polen gelernt haben, und was man von uns lernen Das Sammelwerk „Volk unter Völkern", herausgegeben vom deutschen Schutzbund, enthält eine sehr aufschlußreiche Arbeit von K. C. von Loesch, über „Eingedeutschte, Entdeutschte und Renegaten". Hier wird das Schema der Entdeutschung der nach den Vereinigten Staaten eingewanderten Deutschen folgendermaßen gegeben (p. 229): „Erster Zustand: Der Eingewanderte bleibt im Denken und der Haussprache deutsch; er spricht in Geschäft und öffentlichem Leben englisch. Zweiter Zustand: Die erste im Lande geborene Generation ist zweisprachig. Das Deutsche rückt von der ersten Linie in die zweite; amerikanisch ist das Vorstellungszentrum (um das der Mensch seine Gedanken-, Gefühls- und Vorstellungswelt orientiert), aber unter noch lebhafter Verbindung mit dem deutschen Vorstellungszentrum der Eltern. Deutsch wird noch mit den Eltern im Hause gesprochen, es ist noch Sprech-, aber nicht mehr Schriftsprache. Dritter Zustand: Die zweite Generation verliert die deutsche Sprache auch als Sprechsprache. Die Vorstellungswelt ist überhaupt nicht mehr deutsch betont. Die Erinnerung an die deutsche Abstammung der Großeltern lebt nicht mehr im Alltagsbewußtsein. Sie kehrt aber bei feierlichen Anlässen zurück. Sie ist nur noch verstandesmäßig. Vierter Zustand: Die dritte Generation schämt sich der deutschen Abkunft oder sie hat sie vergessen; sie macht jedenfalls keinen Gebrauch von ihr mehr. Die Entdeutschung ist vollendet, das „Blut" spricht nicht mehr. Ob der Familienname auch entdeutscht wird, ist unwesentlich." 471