Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 470 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Goldstein Sache, sondern aus den nicht zur Sache gehörenden Interessen des Judentums. Es kommt eben darauf an, bei welcher Gelegenheit und in welcher Form die Judenfrage erörtert wird. Wenn ich sie hier mit Herrn Stapel erörtere, so fühle ich mich durchaus nicht betroffen; wenn ich aber Herrn Stapel nicht kennen würde, und zufällig in einer Kommission zur Beratung irgendwelcher sachlicher Fragen mit ihm zusammen säße — wenn in diesem Falle Herr Stapel plötzlich die Judenfrage anfinge zu erörtern, dann würde ich im ersten Augenblick mich wahrscheinlich ebenso betroffen fühlen wie ein Katholik sich betroffen fühlte, wenn die Sachlichkeit seiner Motive durch Hinweis auf seinen Katholizismus in Frage gestellt würde. — Stapel behauptet, der Begriff „Deutscher Jude" sei ein contradictio in adjecto, ein Widerspruch in sich selbst Wer begeht aber diesen Widerspruch? Doch nur Stapel selbst, weil er das Judentum als eine völkische Größe nimmt und daher im Begriff deutscher Jude die sinnlose Behauptung sehen will, wir wollten gleichzeitig zweien Völkern im ethnischen Sinne angehören. Wer sich deutscher Jude nennt, der nimmt das Wort deutsch nicht im Sinne der Abstammung (wie die Deutsch völkischen), sondern im Sinne einer kulturell politischen Schicksalsgemeinschaft Das Entweder-Oder, vor das Stapel und seine Gesinnungsgenossen die Juden stellen: entweder Deutscher oder Jude, dieses logische Entweder-Oder besteht nur in einer den Reichtum des Lebens nicht erfassenden völkischen Theorie. Stapel kennt nur eine Lösung des von ihm konstruierten Selbstwiderspruches: Die deutschen Juden sollen ihre Stellung in Deutschland nach der Analogie der Deutschen in Brasilien auffassen; so wie diese brasilianische Staatsbürger sind und Brasilien als ihr Vaterland empfinden, ihre Kultur und ihr Volkstum aber deutsch ist, so sollen die Juden Deutschland als ihr Vaterland empfinden dürfen, sollen deutsche Staatsbürgerrechte innehaben, aber nach Kultur, Volkstum und Sprache jüdisch sein. Die Analogie ist falsch und irreführend. Die Deutschen, die nach Brasilien auswandern, leben nach Sprache, Kultur und Sitte in einer fremdvölkischen Umgebung. Die eingesessenen deutschen Juden leben aber nicht nach Sprache und Kultur in einer fremdvölkischen Umgebung. Und wiederum: Wenn deutsche Juden nach Brasilien auswandern, so stehen sie vor der gleichen Aufgabe wie die deutschen Nichtjuden: Vor der Aufgabe, für sich und ihre Kinder deutsche Sprache und Kultur za erhalten. Ich betone deutsche 470