Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 469 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Wirklichkeit und antisemitische Deutung des gleichen Glaubens sind.1) Dieser Tatbestand wird leicht veranschaulicht, wenn man einmal annähme, die Ostjuden würden in Massen ihrem Glauben untreu werden und sich freiwillig zu einer anderen Religion bekennen — jeder Antrieb zur Hilfe, außer dem rein menschlichen, würde für uns als Juden aufhören- Mit dem Wegfall der Religionsgemeinschaft fiele jede Gemeinschaft mit dem Judentum fort, ob sich gleich an der Abstammungsgemeinschaft (sofern diese überhaupt vorhanden ist!) nichts geändert hat — IL Die Völkischen behaupten: Volkszugehörigkeit setze Stammeszugehörigkeit voraus. Sie mißtrauen daher unserm Bekenntnis zum Deutschtum: Es sei nur vorgeschoben, um die „Belange" des jüdischen Volkes besser verwirklichen zu können. Sie versuchen unser politisches Verhalten im Sinne ihrer vorgefaßten Theorie zu deuten und gleichzeitig die Bedeutung der Sprachgemeinschaft zu entwerten. Diese Deutungs- und Entwertungsversuche sollen im folgenden einer kritischen Prüfung unterzogen werden. „Wie", fragt Stapel lauernd, „die Juden fühlen sich deutschen Volkes? Warum sind sie denn betroffen, sobald man die Judenfrage erörtert?" Wir fühlen uns betroffen? Das klingt ja fast so, als hätten wir etwas zu verheimlichen, etwas, von dem man öffentlich nicht sprechen darf. Weiß denn Stapel nichts davon, daß wir, jahraus jahrein, in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern, in Volksversammlungen und vor geladenem Publikum die Judenfrage erörtern? Wenn sich bei dieser Gelegenheit jemand betroffen fühlt, so sind es höchstens die völkischen Führer, die oft genug der Einladung zur öffentlichen Erörterung der Judenfrage nicht Folge leisten. Aber die Judenfrage erörtern, kann auch bedeuten, inmitten rein sachlicher Überlegungen und Entscheidungen plötzlich das Wort Jude fallen lassen und mit diesem Worte jene gedanken- und gefühlsmäßigen Assoziationen wachrufen, die aus der sorgfältig gepflegten Tradition abwertender Urteile stammen. Wenn uns dabei das Blut ins Gesicht schießt, dann fühlen wir uns nicht betroffen, weil wir an unser Judentum erinnert werden, sondern weil uns insinuiert wird, wir handelten nicht aus den Interessen der *) Es ist das gleiche Verhalten, das auch Katholiken und Protestanten gegenüber ihren Glaubensgenossen einnehmen. 469