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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 468

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1926-12-01
Page
468 (sequence 6)
Language
German
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Julius Goldstein Indiens, die Chasaren und ihre Nachkommen gehören bei aller Fremdheit der Abstammung zum Judentum; ebenso wie jene im Kaukasus wohnenden russischen Bauern rein slavischer Abkunft, die vor wenigen Jahrzehnten zum Judentum übertraten, und jene „Bergjuden" des Kaukasus, die als ihre Stammesgenossen nur die mohammedanischen und armenisch-katholischen Talen*) anerkennen. (Vgl. Joseph Roth, Reise in Rußland VII, Frankfurter- Zeitung, 71. Jahrgang, Nr. 797.) Wie sehr noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den deutschen Juden „Rassenbewußlsein" fern lag, kann man an der Bemerkung Sieinihals ersehen: es sei ihm gleichgültig, zu welcher Rasse er gehöre — das mögen die Anthropologen festzustellen versuchen. — Man war stolz, wenn man einer Familie entstammte, die berühmte Gelehrte aufweisen konnte. Die portugiesischen Juden betonten ihren Herkunftskreis gegenüber den deutschen Juden (oft bis zur Ablehnung des Connubium) so wie es jetzt noch vielfach in Amerika von deutschen Juden gegenüber den Ostjuden geschieht Aber ein abstraktes jüdisches „Rassenbewußtsein" — das ist ein Produkt der jüngsten antisemitischen Literatur. Erst nachdem man die Gebrauchswerte der Tierzuchtanstallen zu politischen Ideen erhoben und den Menschen jahrzehntelang vor-geredet und vor-geschrieben hatte, wer zur arischen Rasse gehöre, sei edel und gut, wer zur semitischen gehöre, sei gemein und böse — erst nachdem solches geschehen, haben die Juden, anfangs sich nur wehrend gegen anthropologische Herabwürdigung, auf dem Wege der Contre-imitation (der Nachahmung aus Trotz) sich dem Gedankengang ihrer Gegner angepaßt und sich einen anthropologischen Vorzugswert zugelegt Auch sie wollen jetzt, wie die Nichtjuden, ihre „Rasse" haben, auf die sie stolz sein können, und die sie ohne Anstrengung zum Mitbesitzer aller derjenigen Werte macht, welche angeblich mit dem Blute gegeben sein sollen. Wie wenig dieses abstrakte „Rassenbewußtsein" bei ernsthaften Konflikten bedeutet, kann man an der jüdisch-arabischen Spannung in Palästina sehen: Hier müßte Harmonie und Liebe herrschen, wenn das Bewußtsein, gleicher Rasse anzugehören, eine Kraft von entscheidender Bedeutung wäre. — Werden die ostjüdischen Massen um ihres Judentums willen unterdrückt und verfolgt, so helfen wir ihnen und suchen ihre Not zu lindern, aber nicht weil sie Menschen der gleichen Rasse, sondern weil sie Menschen!) iranischer Volksstamm im russischen Transkaukasien. 468

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