Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 467 (sequence 5)
- Language
- German
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Wirklichkeit und antisemitische Deutung Raum für den deutsch-jüdischen Menschen, der den zwiefachen Adel seiner Herkunft als erhöhte Verpflichtung empfindet.1) — Es sei noch eine Bemerkung erlaubt über Sinn und Bedeutung der Abstammung. Für die Völkischen ist Abstammung alles, und sie glauben oder geben wenigstens vor zu glauben, daß die Juden gleichfalls der Abstammung die alles entscheidende Bedeutung zuweisen. Diese Auffassung ist unrichtig. Vorerst ist festzustellen, daß auch bei den Völkischen nicht die objektive Tatsache der gleichen Abstammung, sondern der Glaube, es gäbe eine solche, als gemeinschaftsbildende Kraft wirkt; denn, wie schon oft nachgewiesen wurde, das deutsche Volk ist in Ansehung der Abstammung durchaus uneinheitlich und vielspältig. Neuerdings zeigt sich dies deutlich bei der wertbetonten Hervorhebung des nordischen Rassenelementes gegenüber dem ostischen und dinarischen. Wenn man nun gar ein „arisches Rassenbewußtsein" vorgibt, so bedeutet das nur: Wir sind keine Juden. Ein positiver Inhalt liegt diesem Bewußtsein nicht zum Grunde. Es ist ein auf einem anthropologischen Irrtum beruhendes literarisches Erzeugnis antisemitischer Ideologie — gäbe es keine Juden, niemand würde in Europa mehr davon sprechen. — Im Gemeinschaftsbewußtsein der Juden spielte in früheren Jahrhunderten abstraktes „Rassenbewußtsein" überhaupt keine Rolle. Zum Judentum gehörte, wer jüdischer Religion war, oder wer, welcher Abstammung auch immer, sich zu dem Glauben an den einig-einzigen Gott Israels bekehrte. Daß man nur auf Grund seiner Abstammung zum Judentum gehören, ja als Jude gefeiert werden könne, auch nachdem man den jüdischen Glauben und die Heilige Schrift öffentlich verächtlich gemacht hat (Fall Nordau), das wäre den Juden früherer Jahrhunderte unverständlich gewesen. Die Fallaschas, die schwarzen Juden x) Mit allem Vorbehalt einer nicht völlig durchführbaren Analogie sei darauf hingewiesen, daß auch im Katholizismus Stimmen laut werden, die den nationalen Wert des katholischen Volksteils gerade in der Ausprägung katholischer Sonderart erkennen. So schreibt Dr. Karl Sonnenschein in einem Aufsatz: „Der Ruf der Stunde" (Rhein-Mainische Volkszeitung, 9. Oktober 1924): „Denn wir sind existenzberechtigt nur, wenn wir Eigenes sind. Nicht wiedie andern. Nicht eine Kopie. Und meist noch eine schlechte. Liberale Kapitalisten mit großer Initiative; und kleinem Sozialblick haben die andern genug. Nationalistische Forscher, denen die Pietät der Gottesahnung abhanden gekommen ist, genug. Rastlose Organisatoren, die über den Mechanismus des gewerkschaftlichen, militaristischen oder geheimrätlichen Kasernenhofes nicht herüberschauen, genug. Unverstandene Frauen, deren letzte Lebensformel ist, sich selber auszuleben, genug. Herrenmenschen, die die Welt aus der trostlosen Einsamkeit ihrer Monokels anschauen, genug. Jugendbewegte, die sich für kleine Götter halten, weil sie noch grün sind, genug. Wir müssen schon in Deutschland ganze Katholiken geben, die anders sind, damit wir ein Recht auf Existenz haben, und damit wir vom katholischen Volk erwarten können, daß es sich für diese Männer, für diese Frauen, für diese Jugend, einsetze." 31' 467