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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 465

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1926-12-01
Page
465 (sequence 3)
Language
German
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Wirklichkeit und antisemitische Deutung L Zu einem Volke gehören, setzt voraus, daß man mit ihm Gemeinsamkeiten habe. Was haben wir deutschen Juden mit den deutschen Nichtjuden gemeinsam? Wir leben seit Jahrhunderten mit dem deutschen Volke in dem gleichen Lande, unter dem gleichen Himmel. Die gleiche Erde trägt uns, die deutsche Heimalerde, in der seit Jahrhunderten auch die Gebeine unserer Väter ruhen. Wir sind mit dem deutschen Volke in die gleiche staatliche und wirtschaftliche Ordnung verflochten, eine Ordnung, die unsre Eltern und Großeltern haben milschaffen helfen. Wir gehören zur National-Ökonomie des deutschen Reiches. Wir leben unter den gleichen Gesetzen, teilen die gleichen politiscnen Schicksale und haben seit den Befreiungskriegen auf den gleichen Schlachtfeldern für das deutsche Vaterland gekämpft und geblutet Wir sprechen und schreiben die Sprache des deutschen Volkes, — nicht als eine nachträglich erlernte, sondern als unsre Muttersprache. Das deutsche Wiegenlied sang uns in den Schlaf, das deutsche Dichterwort verklärte die Träume unsrer Jugend und die Enttäuschungen unsres Mannesalters; das deutsche Schrifttum kündet auch unsere Namen. Wir gehen mit den deutschen Volksgenossen durch die gleichen Bildungsanstallen, werden geschult nach den gleichen Methoden und haben die gleichen Forderungen des Berufes zu erfüllen. Die deutsche Bildungsgeschichte verzeichnet auch unsere Leistungen. — So leben wir, schaffend und genießend, mit dem deutschen Volke in der gleichen Arbeitswelt. Und hierfür gilt das Wort Schleiermachers: „Der Mensch gehört der. Welt, die er machen half nur jenseits ihrer ist er ein Fremdling." Über die gegenwärtige Arbeilswelt hinaus verbinden uns mit dem deutschen Volke Traditionen und Erinnerungen, gemeinsame Freuden- und Leidenslage. Wir schämen uns einer jeden schimpflichen Tat, die von Deutschen begangen; wir sind stolz auf alles, was die Deutschen im Kreise der Völker erhöht. Scham und Stolz empfindet der Mensch aber nur, wo er sich in Liebe mitverantwortlich und in bejahter Schicksalsverbundenheit mitergriffen fühlt. Solchermaßen fühlen wir uns dem deutschen Volke verbunden — als Juden nach Religion und Abstammung. Wie jede religiöse Gemeinschaft greiftauch die jüdische über das Volk hinaus in die weiteren Zusammenhänge der Glaubensgemeinschaft, die vor uns und mit uns auf den gleichen Wegen 31 465

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