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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 460

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Zum eignen Schaffen
Date
1926-12-01
Page
460 (sequence 8)
Language
German
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Ernst Lissauer heit beruht nicht, oder mindestens nicht zunächst, auf sogenannter „Einfühlung". Einfühlen muß sich jeglicher Künstler jeglicher Gattung in jegliches Menschen-, Tier-, Pflanzen- und Ding-Wesen, er sei wer und es sei was es sei In unserer Zeit stößt geschichtliche Dichtung, zumal in den Formen von Lyrik und Ballade und wiederum zumal Darstellung geistiger Schöpfer, auf Vorurteile, als sei hier eine halbkritische Art der Gestaltung am Werke. Dies beruht aber auf einem Irrtum. Es kommt ausschließlich auf die Art der Gestaltung an. Man kann einen Menschen, man kann einen Vorgang des Lebens, der Natur so darstellen, daß der Eindruck einer Bronzefigur, eines Reliefs, eines Frieses erzeugt wird, wie oft bei George oder Hofmannsthal; und man kann bildende Menschen, — ja unter Umständen selbst künstlerische Gebilde — naturhaft fassen, wie dies nach meiner Meinung in jenen. Darstellungen Bachs oder Goethes geschehen ist Ich habe mich eben nicht in sie „eingefühlt", sondern ein Doppeltes begab sich: ich wußte instinktiv, im vorhinein — „a priori" — um sie, und eben darum ergriff ich sie, immer in der Meinung, ein Objektives, Episches, Vergangenes, Historisches darzustellen, in Wahrheit, — wie ich später bemerkte, — um, mehr oder minder, eigenste, ja mittelste Erlebnisse auszudrücken. Anders kann letztlich der Dichter überhaupt nicht vorgehen, anderes nicht vollbringen und geben. Jede Kunst ist im Wesen Selbstdarstellung; nur Nebengestalten und Episoden sind von anderer Art Zu den Gestalten, die ich zu formen gesucht habe, fühle ich mich durch eine innerste Affinität hingezogen; andere darzustellen wäre mir unmöglich. Aber, allerdings, nicht nach Tendenz und Gesinnung geschieht solche Wahl — solche Wahl, die ein Gewähltwerden höchst unfreiwilliger Art ist, — sondern nach Temperament und Geblüt So sind jene Gestalten Menschen der verschiedensten Gesinnung, Partei, Konfession, und dennoch wird ein verstehender Leser ihren gemeinsamen Stammbaum, ihre Familienähnlichkeit spüren, wie ich sie selber spüre. Und so habe ich nach und nach die verschiedensten Komplexe des Daseins ergriffen. Verschiedene Bereiche des deutschen Wesens, geistig und geographisch verschieden: das alte Preußen polsdamischer Prägung; Weimar; den bayrisch-österreichischen Umkreis. Aber indem ich von einem zum andern schritt, sagte ich nicht dem früheren ab; sondern mich dünkt: wie in einem Baum die alten Ringe weiter bestehen, wenn ein neuer anwächst, so auch in einem Menschen, wenn anders er organisch wächst und sich wachsen läßt Das Erlebnis symphonisch-chorisch großer Musik hat mich überkommen, dann überfiel mich das Erlebnis der Baukunst, 460

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