Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Zum eignen Schaffen
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 459 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum eignen Schaffen annaiv; unnaiv ist, wer im Augenblick des Schaffens sich der Mittel, Zusammenhänge, Wirkungen bewußt ist Unnaiv ist, in dem das Ich niemals auslischt, damit das Es desto heller flamme. Unnaiv ist, wer addiert, kombiniert, summiert; naiv, wer sein Werk webt, wie die Spinne, nach Gesetz. Weil ein Künstler aber eine Menschen-Spinne ist, weiß er, hernach, Zusammenhang und Gesetz; und bei weitem nicht alles, sondern ein Weniges. Jene Titel nun bezeichnen eine meiner Grundanschauungen. Denn nichts ist mir zuwiderer als jene Sonntags- und Gutestuben-Gesinnung; es kommt darauf an, den gesamten Alltag zu durchdringen. Ein Dichter soll beileibe niemals „poetisch", aber doch immer ein Dichter sein. Eine Lebensanschauung, eine religiöse Einstellung muß — aller Unzulänglichkeiten und Mängel ungeachtet — im Durchschnitt seines Lebenstages spürbar sein. Jedoch ist dies schwerer, wenn einer mitten im mechanisierten Betriebstag von 1926 sein Brot erwirbt, als wenn er abseits, an der Peripherie des Daseins, in einem auserlesenen Kreis von Jüngern und Schülern lebt Und so erblicke ich Pfingsten, die große Ausgießung des Geistes, in zweierlei Gestalt. Einmal als jähes Licht auf geborstenen Himmels, in wetterleuchtender Stunde über der schmerzhaft aufgerissenen Seele des peinvoil Begnadeten; einmal als still wirkendes Licht, das die Luft des häuslichen Tags mit stätem Glanz erhellt Ich bekenne die ekstatischen Pfingsten, in denen der Mensch zu höherer Form des Seins umgeschmolzen wird, und die Pfingsten über dem Alltag, in denen eine treue Arbeit mitten in den vier Wänden dennoch im Angesicht der Unendlichkeit geleistet wird. Und so habe ich mich immer bemüht, die großen Menschen, um die es mir ging, in ihrer irdischen Bedingtheit darzustellen. Von einem tüchtigen Mann, einem oberbayerischen Landarzt, der Sitte und Brauch seines Stammes aufs sorgsamste erforschte, schrieb ich: er sei „gewachsen vom Boden, dem Bild, in den Himmel, den Sinn". Und dies gilt für alle diese Darstellungen Bachs, Bruckners und so fort Und dies gilt auch für meine essayistischen Bemühungen, auch für meine Anthologien: „Der heilige Alltag" zeigt Leben des bürgerlichen Dichters, wie es im Boden, im Alltag wurzelte und empor wipfelte zu absoluter Gestaltung; „Das Kinderland" sucht in einem Kapitel den „Tag in der Kinderstube" abzubilden, vom ersten Augenaufschlag bis zum Gutenachtkuß, es zeigt die Wiegenlieder, die Spiel- und Tanzreime, die Lehr- und Mahn-Verse im Gebrauch, in der Anwendung: wie sie vom Boden, dem Alltag, schweben in den Himmel abgelöster Gestaltung. Und jene Darstellung schöpferischer Menschen der Vergangen- 459