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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 458

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Zum eignen Schaffen
Date
1926-12-01
Page
458 (sequence 6)
Language
German
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Ernst Lissauer tragenden Gemeinkräfte. Sie ist eine Zeit des Endes, der Auflösung, neue Anfänge aller Art keimen erst Gegenüber der anarchischen Willkür, welche insbesondere die Lyrik der letzten vierzig und abermals besonders der letzten; fünfzehn Jahre kennzeichnet, schien es mir notwendig, die Kräfte des Ordnens und des Bändigens zu stärken und das Gefühl für Form, wenigstens in einem weitesten und freiesten Sinne, zu wahren. Ein Gedicht, um Form zu haben, bedarf weder sogenannter reiner Reime noch eines wie immer gearteten Schemas; formal richtige Gedichte können der Form ermangeln: Form ist eine zentripetale Kraft, die einzelnen Teile schließen nach heimlichem Gesetz zusammen und sind, heimlich, tief inwendig bezogen auf einen unsichtbaren, spürsamen, organischen, sozusagen imaginären Mittelpunkt Aus geschichtlicher Notwendigkeit, — weil unsere Zeit eben eine Endzeit ist, an der Wende von. lösendem zu bindendem Zeitalter, — wirkten vornehmlich losgelöste, vereinzelte Iche, und kraft Notwendigkeit ist die anarchische Seele nicht fähig der Ordnung, der Herrschaft über die Teile, der Gemeinschaft, des bildenden Verbindens. Eben dieselbe Gemeinkraft, die religiöse, ethische, staatliche Gemeinschaft bildet, wirkt auch, daß ästhetische, daß künstlerische Gebilde entstehen, die eben von Gemeinschaft und Gemeinkraft gespeist und gebildet werden und sie wiederum speisen und abbilden. Eben dieselbe Gemeinkraft bewirkt, daß der Einzelne Wort-Gemeinschaften hervorbringt: zentrale, zentripetale, gebundene und gesammelte Gebilde. Form, im weitesten Sinn, ist Gemeinschaft; Gemeinschaft, im weitesten und höchsten Sinn, ist Form. Zeichen und Folge dieses unbewußten und organischen Verhaltens erschien es mir auch, daß ich den Titel „Festlicher Werktag" gewissermaßen mehrmals gebraucht habe; und zwar durchaus, ohne zu wissen, daß ich mich wiederholte. Als ich meine Anthologie, die das bürgerliche Dasein um 1800 in lyrischen Gedichten und Idyllen darstellt, zu betiteln hatte, wußte ich keinen, anderen Namen als „Der heilige Alltag", und erst später sah ich, wie ähnlich er jenem andern war. Ja, wie erstaunte ich, als ich einmal meinen ,, Inwendigen Weg" aufschlug und sah, daß der erste Abschnitt „Heller Werktag" heißt, und bereits mit einigem Vergnügen fand ich nun in meinem „Eckermann" das viel früher geschriebene Wort: „Um Goethe sein — das ist wie ein tätiger Sonntag." Abermals ist es deutlich: eine Lebensanschauung schafft sich instinktiv immer wieder fast formelhaft ihren Ausdruck, und dieses dumpf-unbewußte Auswirken wird dann nach einiger Zeit, früher oder später, bewußt angeschaut Wer imstande ist sich gegenüber zu treten, sich als Objekt anzusehen, ist nicht 458

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