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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 457

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Zum eignen Schaffen
Date
1926-12-01
Page
457 (sequence 5)
Language
German
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Zum eignen Schaffen Menschen von großem Format Immer geht es mir — oder: ist es mir bisher gegangen — um Gnade und Dienst Das alte Preußentum hat meine Dichtung immer wieder angezogen, weil es ein Ethos des Dienstes lebte. Luther oder Bruckner, Yorck oder Eckermann sind insgesamt Diener einer überpersönlichen, überselbstigen Sache. Eben dieselbe Einstellung wird man in meinen literarischen Aufsätzen finden, von denen ein Teil in dem Buche „Von der Sendung des Dichters" gesammelt ist, und auch in zahlreichen Aufzeichnungen aus religiösem und musikalischem Bereich, über Goethe und über das Wesen des Schöpfertums; sie sind aus den Tagesbüchern erwachsen, die ich seit zwanzig Jahren führe, und wurden gedruckt unter dem Titel „Festlicher Werktag". Und es ist selbstverständlich, daß auch manche meiner künftigen Schriften diese Grundgedanken fortführen, abwandeln, steigern; denn sie sind ja nicht willkürlich gewählt, nicht angezogen wie eine Tracht, sondern haben sich gebildet als Kern und Substanz gelebten Lebens. Hier muß ich eine grundsätzliche Deutung einfügen. Man würde durchaus mißverstehen, wenn man annähme, ich wäre mir über diese Absichten von vornherein klar gewesen und hätte meine Arbeiten nach einem festen Plane vorgenommen und durchgeführt Ganz und gar nicht! Wie meine Dichtung hat sich meine gesamte schriftstellerische Arbeit organisch entwickelt, nach einem Naturgesetz, das ich nicht formulieren kann, das ich aber spüre, das in mir lebt, und das ich lebe. Die kritische Einsicht, die mir vielleicht zuteil geworden ist und die sich ja mannigfaltig auf die Werke anderer richtet, kann selbstverständlich gegenüber den eigenen Werken nicht ausgeschaltet werden: wenn ich jedoch das Eine oder Andere über meine Dichtungen aussage, die nun Jahre oder Jahrzehnte hinter mir liegen, so nicht auf Grund von Beobachten und Nachdenken, sondern kraft plötzlicher Ein-Sicht, Ein-Schau. Wohl sehe ich nun die vielfältigen Fäden, die sich zwischen meinen Dichtungen und überhaupt meinen Arbeiten hin und her geknüpft haben: es sind organische Gewebe, von selbst gewachsen, mit Willen nicht herstellbar. Überhaupt ist das Eigentliche aller geistigen Arbeit, ob dichterisch, ob schriftstellerisch, ob kritisch, ob musikalisch oder bildnerisch, die mittlere Kernsubstanz: ist sie vorhanden, so wächst sie nach ihrem eingeborenen Gesetz: die ordnende Kraft, Wille, Zucht, Strenge sind in höchstem Maße notwendig, aber durchaus sekundär. Allerdings habe ich in meinen kritischen Arbeiten dies. Element besonders stark herausgearbeitet; ganz erklärlich: unsere Zeit ermangelt, wie im religiösen und ethischen, so im ästhetischen Bereich der 457

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