Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Zum eignen Schaffen
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 456 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Lissauer sie sich innerlich anzueignen, sagte mir, er habe mit dem Buche wenig anzufangen gewußt, so lange er die Gedichte einzeln las, aber als er es von Anfang bis zu Ende gelesen habe, sei ihm sein Sinn offenbar geworden. Also auch dies Buch ist im Grunde genommen eine zyklische Dichtung. Mit alledem ist selbstverständlich nicht das Geringste über den Wert dieser Gedichte ausgesagt, aber diese Einheitlichkeit scheint mir ein entschiedenes Kennzeichen meiner Art Aus diesem Grunde glaube ich, daß man meine Lyrik in ihrer Gesamtheit kennen muß, sofern man es überhaupt für wünschenswert hält, sich mit den Lebensstoffen vertraut zu machen, die darin etwa sichtbar geworden sind. „Der Inwendige Weg" bildet jenes ernsteste Geschick ab, unter dem der größte Teil meines vierten Jahrzehntes gestanden hat Freilich, ich bin mir bewußt, daß Ähnliches und Schwereres vielen andern Menschen geschieht, aber es kommt nicht darauf an, was sich begibt, sondern wem es widerfährt, und wie es erfahren wird. In gleicher Weise, stoßhaft und eruptiv, sind meine Dramen entstanden. Sie erwuchsen aus meinen balladischen Darstellungen heroischer Menschen. „Die Abrechnung" — der Tod Yorks — ist noch fast ganz szenischer Monolog; in der „Anfechtung" ist ein Gegenspiele^ vorhanden, der Teufel, aber er ist eigentlich nur eine Luftspiegelung aus Luthers Innerem. Dieser monologische Charakter eignet auch noch dem fünf aktigen Schauspiel „York": der Kampf vollzieht sich innerhalb des Helden, aber ein eigentlicher Gegenspieler mangelt. „Eckermann" mußte zwar dem Stück den Titel geben, aber er benennt mehr das Problem, das ewig ist, wie Eckermann selbst einen ewigen Typus bezeichnet, der nun nach ihm heißt Das eigentlich tragische Erleiden vollzieht sich in Goethe; sein Gegenspieler ist die Braut Eckermanns, Marianne. Es war mir innerlich notwendig, erst einmal meine dramatischen Kräfte auf eine der Wirklichkeit nahe Weise zu erproben; meine künftigsn Versuche werden der gesteigerten Region meiner Lyrik näher stehen. Alle meine Dramen sind durch stoffliche und seelische Bande, mehr oder minder, mit dem Komplex der Lyrik und Balladik verknüpft. Die Einakter heißen „Die drei Gesichte", und „Gesichte" sind ja die meisten meiner Balladen. Die „Gewalt", die allenthalben sonst wirkt, wird in der Komödie halbkomisch gefaßt und, als sie in Form der Maßlosigkeit und Gewalttätigkeit erscheint, ad absurdum geführt Freilich, es ist mir wohl nicht gelungen, diesem Stück in dem Maße Perspektive und Tiefgang zu geben, daß es jene Sinnbildlichkeit erlangt, die mir immer vorschwebt Immer geht es mir um den überdurchschnittlichen 456