Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Zum eignen Schaffen
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 454 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Lissauer Solch ein Wort, das gewissermaßen tiefer um mich. Bescheid wußte als ich selbst, ist der Vers: „Ich scheitere lieber an Wegeswende, Eh' mir an Zielen mein Weg zerbricht." Später habe ich es an den Schluß meines ersten Gedichtbuchs „Der Acker" gestellt: aber als ich dies tat, wußte ich nicht, wie tief dies Wort mein innerstes Wesen aussprach, und als ich es dichtete, ganz bestimmt noch weniger. Und da ich diesen Rückblick schreibe, steht in meinem letzten, vor kürzester Frist geschriebenen, um neue Bereiche ringenden Gedicht diese Zeile: „Ich fühl's, es will ein neuer Tag sich mir entzünden." Stoßhaft, in langen Abständen, selten, sind meine Gedichte mir entstanden: stoßhaft und langsam habe ich mich entwickelt Diese inneren Entwicklungen sind gemeinhin zugleich durch äußere Daten gekennzeichnet Von ihnen, von der Wirklichkeit meines Lebens, von Herkunft und Wanderung, von Liebe und Freundschaft, Begegnung und Trennung, Unheil und Tod, kurzum von glückhaftem und nothaftem Begebnis will ich zu gegenwärtiger Zeit nichts Tatsächliches berichten, (soweit nicht einiges Wenige in früheren autobiographischen Skizzen angedeutet ward). Ich stehe in meinem 43. Jahre, und es ziemt mir nicht, bereits jetzt ausführlicher von der eigenen Vergangenheit zu sprechen. Jene stoßhaften Entwicklungen, die sich wahrscheinlich schon lange vorbereitet hatten, wurden mir durch neuen Ausbruch von Produktion sichtbar und bewußt, eben, indem ein neues Stück Leben dem Umkreis meiner Dichtung gewonnen ward. Durchaus wurde das umschränkte Individuum geweitet, durchaus wurde es über sieb hinweg gehoben, durchaus ward solches Hervorbringen gefühlt nicht als ein Vollbringen, sondern als ein Erleiden einer Gewalt von unbekannter Hand oder als ein naturhaftes Vorbrechen, Emporgießen, Auswerfen. Die epigrammatische Knappheit der „Acker"-Gedichte weitete sich zur Hymnik des „Stroms"; von der kosmischen Subjektivität der Hymnen drang ich vor zu objektiven Gestaltungen balladischer Art, von den einzelnen balladischen Konzeptionen zum geschlossenen ans Epos grenzenden Zyklus, „i8i3". In „i8i3" ward versucht, ein überpersönliches Erlebnis, Leid und Befreiung eines ganzen Volkes, darzustellen, in „Bach" die Existenz eines Einzelnen von schöpferischer Macht, und auch ihn versuchte ich in überpersönlichem Sinne zu fassen; eine „Vita Sancti Bachi" nannte ich mir heimlich diese „Idyllen und 454