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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 453

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
Zum eignen Schaffen
Date
1926-12-01
Page
453 (sequence 1)
Language
German
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Zum eignen Schaffen1) Von Ernst Lissauer Vor meinen Dichtungen — wenn ich. mit einem Scherz beginnen darf — habe ich nicht selten die Empfindung gehabt, hier bewahrheite sich einmal die spottende Redensart, daß das Ei klüger sei als die Henne. Meine Gedichte haben mich oft tiefer ausgesprochen als ich mich selbst kannte. Viele Fehler, die ich in meinem Leben begangen habe, gegen andere und vor allem gegen mich, hätte ich unterlassen, wenn ich auf meine Gedichte gehört hätte. Das will nicht sagen, daß ich meine Gedichte aus einer Sehnsucht heraus geschrieben habe; ob Gedichte aus der Gegenwart, dem Sein, der Fülle, den]' Überschüssen des Wesens entstammen, das muß man ihrer Art abmerken, ihrem Rhythmus, Tonfall, Licht, Odem, und die meinen — sofern ich mich nicht völlig über mich selbst täusche — sind nicht aus Wunsch, sondern aus Besitz entstanden. Jedoch, dieses Besitzes war ich mir nicht immer bewußt, und meine Gedichte belehrten mich über mich selbst Viele von ihnen sind aus dem ruhigen Gleichmaß ebener Tage hervorgetreten, aber viele andere sind in kurzen Zeiträumen, stoßhaft und in Wolken- und Feuerbündeln, emporgeborsten. In solchen gesteigerten, von Flammen aufgerissenen, von Flamme überhellten Stunden wurden neue Schichten des innersten Menschen bloßgelegt, die ich zuvor nur geahnt und vorgespürt hatte. So ist es gemeint, wenn ich sage: meine Gedichte haben mich über mich selbst belehrt Ein Gedicht, das mich menschlich nicht weiter bringt, zählt für mich nicht Aller Anfang, sagt das Sprichwort in banaler Weisheit, ist schwer: die Kunst ist schwer, weil der Künstler immer am Anfang steht -1) Die vorliegende Studie wurde verfaßt für eine Auswahl aus meinen Gedichten,, die, für Schulzwecke bestimmt, vom Verlag Zickfeldt, Osterwieck am Harz, geplant ist. 453

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