Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 451 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt menschlichen Beziehung weit förderlicher als alles tatlose Dahinleben in den alten Formen and geduldige Warten auf die große Liebe? Wie weit der Weg von der tief in sich selbst versponnenen, nur aus geheimer Kraft des innersten Mittelpunktes sich selbst beflügelnden Seele zu den Problemen der äußeren Wirklichkeit ist — wie sehr gerade die heutige Wirklichkeit der Seele fremd und fern ist: es gibt dennoch für die Frau zur Erfüllung ihrer Aufgabe heute und immer nur den Umweg über die Wirklichkeit: die Wirklichkeit der in diesem Augenblick vorliegenden Welt. Nicht immer entfernt dieser Weg sie so abgrundweit von ihrem zentralen Leben wie heute. Es hat Zeiten gegeben, in denen Seele und Leben reiner zusammenklangen. Heute aber, in einer Welt, in der alle Lebensgrundlagen zerstört sind, in der darum alle Innerlichkeit zum Problem geworden ist, muß mit dem Wiederaufbau tief von unten, weit von außen her begonnen werden, und nichts kann hier der Frau erspart bleiben Darum ist das Leben der fieberhaft aktiven Frau Amerikas wie das der mutigen und intensiven russischen Frau für die Gestaltung des Frauenproblems heute weit entscheidender, als alles innerliche Suchen. Wenn uns der Westen zeigt, wie die Frau, bewußtlos fast, durch ihr neues Selbstbewußtsein und Arbeitsdasein die falsche Struktur der kapitalistischen Gesellschaft auflöst, so zeigt uns umgekehrt der Osten, wie von der Umgestaltung des Sozialen her das Frauenproblem einer neuen Lösung entgegenzuführen ist Aber auch in unserem eigenen Leben spüren wir schon überall den Einsatz der Frau. Und selbst in der Welt des Geistes ist er fühlbar. Daß das Wirkliche die weltferne Absolutheit des Geistes überall bedrängt, daß es aus seinem Leben nicht mehr auszuschließen, ist, das ist — wenn auch keineswegs eine Folge der Frauenbewegung, so doch in tiefem Zusammenhang mit dem neugestellten Problem der Frau. Und so ist heute eine Entspannung des Problems bereits deutlich fühlbar. Ungeheuer ist der Unterschied zwischen der heutigen Frauengeneration und der jüngst vergangenen in der Betrachtung aller Lebensfragen. Ein neues Geschlecht junger Frauen steht vor uns, ein härteres und bewußteres mit männlichem Werk und männlichem Herzen, das nicht mehr gewillt ist, verworrenen Träumen und dem Dämon der bloßen Innerlichkeit, der aus den falsch beruhigten Formen der bürgerlichen Gesellschaft aufwuchs, seine Liebe und sein Leben zu opfern — das vor allem nicht, wie die vergangenen Generationen, die unlösbaren Probleme des Frauenschicksals mit den lösbaren verwechselt 30* 45t