Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 450 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susmann den schwereren Lebensbedingungen ahnend wieder zu begreifen beginnt: daß die Ehe weit über alle innerliche Gemeinschaft hinaus einen durchdringenden und durchhaltenden Willen zur Schicksalsgemeinschaft fordert, daß sie Mut und Kraft verlangt im Äußeren wie im Inneren, weil alle Probleme aller Sphären des Gemeinschaftslebens in ihr unlösbar verschlungen und konzentriert sind. Ihr Ernst und ihre Mühsal schien vergessen; statt dessen übergoß man sie mit der lyrischen Verklärung überschwänglicher Glücksträume; eine falsche Romantik ohne Ernst und Wahrheit hatte die Abgründe, auf denen die reale Ehe in ihrer Verquickung heterogenster Lebenselemente notwendig ruht, mit dem Nebel einer verlogenen Innerlichkeit überzogen. Auch hier noch einmal war es Strindberg, der den Schleier aufhob, die Abgründe enthüllte — aber auch diesmal wieder, ohne das erlösende Wort zu finden, das auszusprechen der folgenden Generation vorbehalten blieb. In seinem Trauerspiel stellt er an der Ehe der Göttertochter mit dem Anwalt alles Menschlichen dar, wie die reine Liebesehe zweier im Höchsten lebender Menschen am Alltag und der äußeren Not des Lebens tragisch scheitert. Zum erstenmal in der modernen Kunst wurde hier die Unzulänglichkeit des rein persönlichen und inneren Lebens für die Gestaltung der Ehe, die dämonische Macht des äußerlich Realen: der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse über das Innerlichste der Menschen ausgesprochen. Strindberg, der Feind der Frauenbewegung, ahnte nicht, wie tief er mit dieser Offenbarung der Frauenbewegung selbst diente. Denn hier ist es die Frau, die ganz allein Abhilfe schaffen kann und sie zum Teil schon geschaffen hat Die Göttertochter hat erkannt, daß von ihrer tiefen, stummen Mystik aus kein Weg zur Verwirklichung der Ehe noch irgendeiner Gemeinschaftsform führt Sie hat erkannt, daß sie den Umweg machen muß über Wort und Werk der männlichen Welt Denn wenn wirklich das Äußere eine so brutale Macht über das Reinste und Ewigste im Menschen besitzt — sind dann nicht im Frauenproblem mit dem Problem der Liebe das der Arbeit, der Wirtschaft — alle Probleme des Gemeinschaftslebens überhaupt unlöslich verschlungen? Ist dann nicht der politische, soziale und wirtschaftliche Refreiungswille der Frau — dieser Umweg über die Welt des Mannes, der ihre Schönheit vermindert, ihre Anmut bedroht, und so unvereinbar scheint mit ihrem stummen, verschlossenen Wesen und mit der Art ihrer Liebe — trotzdem viel enger mit ihrem eigensten Problem verbunden, der Umgestaltung und Neugestaltung auch der innerlichsten 450