Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 452 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susmann: Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt Wie unendlich weit auch, diese Generation noch von einer wirklichen Lösung des Problems entfernt ist — es ist wenigstens als Problem deutlich sichtbar geworden. Damit ist schon viel getan. Denn wenn wir an das Meer von Elend und Verzweiflung denken, in dem in den jüngst vergangenen Generationen so viele, und oft gerade die wertvollen suchendsten Frauen ausweglos versanken, weil ihr Problem verhehlt wurde, weil es für sie in der Welt kein Schicksal, keine Arbeit, kein Leben gab, dann sehen wir, daß mit diesem ersten Schritt schon ein großes Stück Weges durchmessen ist Aber wir sehen vor allem — und dies ist das Entscheidende — wie auch der bescheidenste unscheinbarste Schritt zur Lösung des Problems im Äußeren die im Puppenstand versponnene Seele ihrer Beflügelung einen Schritt näher bringt Und so erkennen wir jetzt schon, daß wirklich der Umweg über die Welt des Mannes der Weg der weiblichen Seele zu sich selbst ist Nie wird und darf das männliche Werk der Frau letzter Zweck, endgültiges Ziel sein. Es wird immer nur auf ihrem Wege liegen und damit auch ihre allerletzte Kraft nicht aufnehmen. Aber indem sie hindurch geht, geht sie nicht nur ihrem eigenen Selbst entgegen, sondern sie lernt auch das Selbst des Mannes aus seinem Werk, in seinem Werk begreifen. Und so wird die Frau, die aus dem Bilde des Mannes heraustritt, sich seiner schweigenden, weltfernen al fresco-Schönheit entwindet und als lebendiger, selbständiger Mensch in das Leben tritt, auch dem Mann unendlich viel mehr sein, als das Bild ihm sein konnte. Mag er das verlöschte schöne Bild beklagen — mag die wirkliche Frau ihm weit fordernder gegenübertreten — mag sie ihn mit neuen Problemen bedrängen und aufrütteln — mag sie seine eigene feste Welt mit der Gefahr einer dunkleren zentral sprengenden Macht bedrohen: er wird in all dem durch sie sein Leben zu neuen Fragen und Antworten fortgetrieben sehen, die zuletzt auch der Erweiterung und Erfüllung seiner eigenen Menschlichkeit dienen. Dann kann es wirklich geschehen, daß Nietzsches sehnsüchtige Forderung wahr wird: „Eure Liebe zum Weibe und des Weibes Liebe zum Manno — o möchte sie doch Mitleiden sein mit leidenden und verhüllten Göttern." Denn dann wird jedes im Anderen die besondere Form, in der in ihm das Göttliche um sein Dasein ringt, verehrend erkennen und mit ihm den schweren leidvollen Kampf um seine Verwirklichung kämpfen. Und so wird jeder Schritt vorwärts zur Lösung des Frauenproblems auch ein Schritt zur Lösung des Problems des Mannes und des wahren Zusammenlebens von Mann und Frau und damit zuletzt der Weg zu einer neuen Menschheit sein. 452